15. November 2021

Digitale Messtechnik auf dem Vormarsch

Das 3D-Ganzkörpermesssystem Bodytronic 610 von Bauerfeind. Foto: Bauerfeind

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Die Corona-Krise treibt die Digitalisierung voran. Auch in der Kompressionsversorgung – hier konnten berührungslose digitale Messsysteme punkten. Immer öfter werden zudem auch kleine, mobile Geräte eingesetzt.

Auch wenn uns die Corona-Krise an vielen Stellen sehr gebeutelt hat, für die Messtechnik war diese Situation – so unsäglich sie auch sein mag – ein Katalysator“, sagt Andreas Limbach, Leiter Produktmanagement Messtechnologie bei Bauerfeind. „Wir konnten uns in den vergangenen eineinhalb Jahren vor Anfragen kaum retten“. Viele Betriebe hätten das Messen auf Distanz vor dem Pandemie-Hintergrund entsprechend ausgebaut. „Neben den Patienten schätzen auch die Vermessenden, dass sie bei einer Versorgung bei Weitem nicht so exponiert sind und den Sicherheitsabstand von eineinhalb bis zwei Metern mit unserer Technologie ganz locker halten können“, sagt Limbach. Dieses steigende Interesse spiegele sich auch in einer steigenden Nachfrage nach den Geräten wider. „Seit die großen Systeme – Bodytronic 600 bzw. 610 – auf dem Markt sind, haben wir mehr als eine Million Patientinnen und Patienten digitalisiert“.

Oliver Seifert (l.) und Jens Kümmel, Geschäftsführer der Vialux Messtechnik + Bildverarbeitung GmbH. Foto: VialuxWachsendes Interesse an der digitalen Vermessung

Auch bei der Vialux Messtechnik + Bildverarbeitung GmbH, die den Körperscanner BodyLux anbietet, beobachtet man ein zunehmendes Interesse an der digitalen Maßabnahme. Für die beiden Geschäftsführer Oliver Seifert und Jens Kümmel keine große Überraschung: „Neben dem berührungslosen Vorgang ohne händische Maßabnahme ist der Zeitfaktor ein weiterer wesentlicher Vorteil“, erklären sie. Denn die schnellere Abnahme der Maße sei auch für Ungeübte oder Quereinsteiger möglich – bei gleichbleibender Messgenauigkeit. Durch das System wird ein durchgängig digitaler Arbeitsablauf – von der Maßabnahme über die Strumpfkonfiguration bis hin zur Bestellung aus einem ERP-System heraus bzw. in Online-Shops – ermöglicht. Oliver Seifert gibt noch einen anderen Aspekt zu bedenken: „Durch die EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) gibt es nun wesentlich umfangreichere Dokumentations- und Nachweispflichten für die Betriebe, die mit einem digitalen Scansystem und dem sich anschließenden digitalen Bestellabschluss leichter zu erfüllen sind“.

Digitales Maßnehmen – ein Vorteil bei der Suche nach Nachwuchskräften?

Ein mobiles Gerät, Medi vision, hat der Bayreuther Hilfsmittelhersteller Medi im Jahr 2019 auf den Markt gebracht. Medi vision kombiniert ein Tablet mit einer speziellen Software und einer 3D-Kamera. Die erfassten Maße laufen automatisch in den digitalen Bestellvorgang ein. Das digitale Tool funktioniert nahezu berührungslos – einzelne Punkte werden nach dem digitalen Maßnehmen bewusst händisch überprüft. „Der Einsatz von Medi vision verteilt sich heterogen: Mittlerweile setzt die breite Masse verstärkt auf die neue digitale Möglichkeit“, sagt Klaus Herold, Vertriebsleitung Department Compression bei Medi. Er sieht dadurch auch einen Vorteil bei der Suche nach jungen Nachwuchskräften: „Die Fachhändler machen sich fit für die Zukunft und leisten einen Beitrag, um mit modernen Tools auch die Arbeitswelt zu modernisieren“.

Andreas Limbach, Leiter Produktmanagement Messtechnologie bei Bauerfeind. Foto: Bauerfeind Patienten fragen aktiv nach

„Die Betriebe sind in gewisser Hinsicht in der Pflicht, den Schritt zur digitalen Maßabnahme zu gehen, weil in vielen Fällen die Kundschaft danach fragt“, hat Jens Kümmel von der Vialux GmbH beobachtet. Eine Einschätzung, die auch Andreas Limbach von Bauerfeind teilt: „Die Patienten sind gut informiert und fragen die digitale Messtechnik im Fachhandel inzwischen aktiv mehr und mehr nach“. Die Geräte sieht er auch als Kundenbindungsinstrument. Wer einmal digital vermessen worden sei, gehe auch später wieder zu einem Betrieb, der diese Möglichkeit anbiete.

Und auch die Mitarbeiter seien meist schnell überzeugt: „Hat sich diese Arbeitsweise einmal etabliert, will keiner mehr von Hand messen“, sagt Kümmel. „Die anstrengende Maßabnahme, bisweilen kniend auf dem Fußboden, entfällt“. Der mobile 3D-Körperscanner BodyLux des Chemnitzer Unternehmens ist nicht an einen Strumpfhersteller gebunden. Anwender können auf die Produktpalette von zwölf Firmen zurückgreifen. Neben der Maßabnahme für die Kompressionsversorgung der Beine können mit dem Gerät auch andere Anwendungsbereiche abgedeckt werden, zum Beispiel am Oberkörper für die Versorgung mit Korsetts. Für die Erstellung von Schuhleisten ist es möglich, die eingescannten Schaumabdrücke der Füße und der Beine als 3D-Datensätze zu exportieren.

Klaus Herold, Vertriebsleitung Department Compression medi. Foto: Medi GmbHNeue Entwicklung: die Vergleichsmessung

Eine der jüngsten Entwicklungen bei Bauerfeind ist das kleine, platzsparende Messgerät Bodytronic 410. Als großes stationäres Gerät gibt es das 3D-Ganzkörpermesssystem Bodytronic 610, welches – wie die anderen Messgeräte bei Bauerfeind – entsprechend an den Onlineshop angebunden ist. Der Vorgänger des Bodytronic 610, Bodytronic 600, ist seit 2013 auf dem Markt.

„Über die Kunden bekommen wir ganz viel Rückmeldung zu den Systemen“, sagt Limbach, was zu einer stetigen Überarbeitung der Systeme führe. Ein Beispiel dafür sei die Vergleichsmessung: „Wenn sich ein Kunde bei einem unserer Fachhändler vermessen lässt und das Ganze nach einem halben Jahr, zum Beispiel nach einer Operation oder einer gravierenden Veränderung in den Körpermaßen, wiederholt wird, können sowohl die 3D-Anatomien als auch die Maße ganz einfach verglichen und dokumentiert werden – vor den Kostenträgern und natürlich auch für das eigene Qualitätsmanagement“, erläutert Limbach.

Blick in die Zukunft

Was bringt die Zukunft? Andreas Limbach glaubt, dass die Entwicklung einerseits in Richtung der kleinen, mobilen Geräte gehen wird, andererseits hätten aber auch die großen, stationären Geräte ihre Berechtigung: „Sie werden auf jeden Fall weiter mit Funktionen aufgewertet werden“, teilt der Leiter Produktmanagement Messtechnologie bei Bauerfeind mit. „Wenn ich über Deutschland hinaus an Flächenländer denke, wie die USA, Indien, China, Russland, halte ich es für wahrscheinlich, dass es dort hin zu den mobilen Systemen gehen wird. Aber die Geräte müssen bedienungssicher sein, um die Fehlerquote so gering wie möglich zu halten“, sagt Limbach. „Wir müssen Lösungen kreieren, die sicherstellen, dass nur möglichst geringe Toleranzen beim Messvorgang auftreten.“ Denn dies sei die Gefahr bei den kleiner werdenden Systemen: Während die größeren Geräte an ihrem Platz stehen und beispielsweise an die Lichtverhältnisse sowie die räumliche Umgebung angepasst seien, könne ein mobiles Messsystem überall genutzt werden, was auch die Gefahr potenzieller Störfaktoren erhöhe.

Die Vialux Messtechnik + Bildverarbeitung GmbH erwartet für die Zukunft generell eine noch größere Akzeptanz von digitalen Systemen für die Maßabnahme – sowohl in den Betrieben als auch bei deren Kunden.

Medi betont, wie wichtig eine starke Netzwerkarbeit bei der Versorgung der Patienten ist – im Bereich der Kompressionsversorgung und darüber hinaus. „Es wird zudem immer wichtiger, über den Tellerrand zu schauen“, meint Klaus Herold von Medi. „Anstelle von Einzelprodukten stellen wir verstärkt ganzheitliche Therapiekonzepte in den Fokus, zum Beispiel mit ergänzenden therapiebegleitenden Übungen und Physio-Tools.“