06. Juni 2012

Ärzte wünschen sich mehr Zeit für ihre Patienten

Trotz starker Arbeitsbelastung ist die Mehrheit der Ärzte mit ihrer Arbeit insgesamt betrachtet zufrieden. Dies ergab eine Ärztebefragung des NAV-Virchow-Bundes und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Geschmälert wird dieses Ergebnis allerdings dadurch, dass Zweidrittel der Ärzte meinen, für ihre Patienten nicht genügend Zeit zu haben; zudem gibt es einen hohen Anteil „ausgebrannter“ Ärzte.

Für den sogenannten „Ärztemonitor“ interviewte das Institut für angewandte Sozialwissenschaften infas telefonisch rund 11.000 niedergelassene Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten. Der Aussage „Meine Arbeit macht mir Spaß“ stimmen 53 Prozent der Befragten „voll und ganz“ und 40 Prozent „eher“ zu. Nur 6 Prozent stimmen „eher nicht“, 1 Prozent stimmt „ganz und gar nicht“ zu. Die Zufriedenheitsaussagen sind bei Psychotherapeuten besonders ausgeprägt.

„Ausgebrannt“ fühlen sich dagegen 9 Prozent „voll und ganz“, 20 Prozent stimmen dem „eher zu“. 42 Prozent sagen, sie seien „eher nicht“ ausgebrannt, 28 Prozent „ganz und gar nicht“. Beruf und Privatleben sieht die Mehrzahl als nicht oder nur eingeschränkt vereinbar an. Die Arbeitsbelastung der Ärzte sei insgesamt hoch, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Köhler. „Im Schnitt arbeiten Haus- und Fachärzte über 55 Stunden in der Woche. Dabei behandeln Fachärzte mehr als 40 Patienten am Tag, Hausärzte sogar mehr als 50“, so der KBV-Vorstandsvorsitzende.

Verwaltungsaufwand schluckt Zeit
Zwei von drei Ärzten gaben in der Befragung an, sie hätten nicht ausreichend Zeit für ihre Patienten. Von den durchschnittlich 55 Stunden Wochenarbeitszeit entfällt bei den Hausärzten etwas über die Hälfte, nämlich 60 Prozent, auf Patientensprechstunden. Die Fachärzte können 62 Prozent direkt den Patienten widmen. „Die Verwaltungsarbeit macht den zweitgrößten Anteil an der Gesamtarbeitszeit aus. Ärzte brauchen wieder Freiräume, um für ihre Patienten da sein zu können. Das Motto muss lauten: versorgen statt verwalten!“, forderte Köhler.

Ärztenetze scheinen bessere Arbeitsbedingungen zu bieten
Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, präsentierte Zahlen zur wirtschaftlichen Zufriedenheit. „43 Prozent mit dem Einkommen unzufriedene Ärzte sollten uns aufhorchen lassen. Es besteht offenbar ein enger Zusammenhang zwischen einer unzufriedenen Haltung und hoher Arbeitsbelastung, großen Patientenzahlen und nicht-kooperativen Praxisformen“, erklärte Dr. Heinrich. „Wir müssen weg von den hohen Fallzahlen in den Praxen und kooperative Formen fördern“, forderte er. „Die Arbeitsbedingungen niedergelassener Ärzte müssen verbessert werden. Dazu zählt, dass Kooperationen attraktiver und Ärztenetze gefördert werden. Immerhin arbeitet heute schon über ein Viertel der niedergelassenen Haus- und Fachärzte (26 beziehungsweise 27 Prozent) in vernetzten Strukturen. Von den heute noch nicht vernetzten Ärzten kann sich mehr als die Hälfte vorstellen, sich in der Zukunft einem Ärztenetz anzuschließen.“