25. September 2012

Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2012

Die Heil- und Hilfsmittelversorgung geht noch vielfach am Patientenbedarf vorbei, das schließt die Barmer GEK aus den neuen Analysen des Heil- und Hilfsmittelreports 2012. Ob Ergotherapien, Massagen oder Bandagen – besonders Kinder, Rückenkranke und Pflegebedürftige seien von Über-, Unter- oder Fehlversorgung betroffen.

Im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung sind die Ausgaben für Heil- und Hilfsmittel binnen fünf Jahren um 22 beziehungsweise 30 Prozent gestiegen. Allein die Hilfsmittelausgaben legten im letzten Jahr um 4,7 Prozent auf insgesamt 6,3 Milliarden Euro zu. Die Aufwendungen für Heilmittel kletterten sogar um 6,6 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker stellt fest: „Wir haben es mit einem Wachstumsmarkt erster Güte zu tun. Allerdings sollten Transparenz und medizinische Evidenz mitwachsen. Denn trotz einer insgesamt guten Versorgungslage gerät der Einsatz von Heil- und Hilfsmitteln noch oft zum wohlgemeinten therapeutischen Streuschuss.“


Massagen allein helfen kaum

Was er damit meint, wird am Beispiel der Massagen deutlich. Klassische Massagen gehören zu den umsatzstärksten Heilmitteln. Für rund 280.000 Barmer GEK Versicherte wurden letztes Jahr rund 400.000 Verordnungen ausgestellt. Dabei ist die Bedarfsgerechtigkeit oftmals fraglich. Rund 85 Prozent der Ausgaben für klassische Massagen entfallen auf Wirbelsäulenerkrankungen, davon rund die Hälfte für Beschwerden mit akutem Behandlungsbedarf (Blockaden, Haltungsstörungen, Arthrosen).

Die andere Hälfte geht auf das Konto von chronischen Beschwerden (Bandscheibenvor-fall, Rheuma etc.). Das ist laut Glaeske problematisch, denn die klassischen Massagen reichten als alleinige Therapie bei chronischen Beschwerden nicht aus. Sie würden nur in Kombination mit manualtherapeutischen oder aktivierenden Ansätzen wirken.


Medizinische Massenprodukte falsch eingesetzt

Auch bei den Hilfmitteln sind laut des Reports längst nicht alle Versorgungen richtig eingesetzt. Zu den Hilfsmitteln mit den höchsten Versorgungsanteilen gehören Bandagen und Orthesen. Für über 500.000 Barmer GEK Versicherte wurden letztes Jahr entsprechende Verordnungen im Gesamtwert von 77 Millionen Euro ausgestellt. 4,7 Prozent aller Frauen erhielten Bandagen, ebenso wie 3,5 Prozent aller Männer.

Bei Orthesen, wie zum Beispiel Stützschienen, liegt der Versorgungsanteil bei 1,4 Prozent aller Frauen und 1,8 Prozent der Männer. Auch auf diesem Gebiet kommt es immer wieder zur Fehlversorgung: So liegen die größten Ausgabenanteile bei Produkten für Knie und Rücken, obwohl sie in den bestehenden Leitlinien praktisch keine Rolle spielen. Zudem zeigen sich viele Beispiele für schlechte Anpassung und mangelnde Beratung. „Das beeinträchtigt wiederum die Therapiemitarbeit der Patienten“, erklärt der Reportautor Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

Des Weiteren kritisiert der Bericht, dass laut der erhobenen Zahlen Ergotherapie bei ADHS zu selten eingesetzt werde, die Versorgung von Pflegeheimbewohnern lückenhaft sei und „Tennisellenbogen“ schlecht behandelt würden.