16. Juli 2014

DGOU: Fallpauschalen begünstigen steigende Operationszahlen

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU) hat Stellung zum am 10. Juli veröffentlichten, von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Gutachten „Forschungsbericht zur Mengenentwicklung“ genommen. Dieses beschäftigt sich mit steigenden Operationszahlen im Krankenhaus. Der Bericht lasse aufgrund fehlender Daten, insbesondere bei der Trennung der sektoralen Vergütung, keine Schlussfolgerungen über unnötige Operationen oder Eingriffe aus wirtschaftlichen Gründen zu, so die DGOU.

Um das bisher starke Gesundheitssystem in Deutschland vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der technologischen Fortschritte und der steigenden Anspruchshaltung der Patienten zukunftsfähig und tragbar zu gestalten, fordert die DGOU ein Miteinander der Akteure im Gesundheitswesens statt gegenseitiger Schuldzuweisungen. Die DGOU forderte, die Informationshoheit der Krankenkassen über die QRS-Daten (Qualitätssicherung mit Routinedaten) aufzulösen, um die Datenlage transparent und eine Evaluation operativer Eingriffe überhaupt möglich zu machen.

Der Anstieg der Operationen geht laut Gutachten zu 50 Prozent auf muskuloskelettale Erkrankungen und Erkrankungen des Kreislaufsystems zurück. Die DGOU weist darauf hin, dass im Begutachtungszeitraum zwischen 2007 und 2012 die Fallzahlen für endoprothetische Versorgungen an Hüfte und Knie, anders als aus demografischen Gründen erwartet, zurückgegangen sind. In der Wirbelsäulenchirurgie hingegen ist ein Anstieg der Operationen im beobachteten Zeitraum festzustellen. Schon seit Jahren sehen die DGOU und die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie diesen Anstieg sehr kritisch.

"Der Fehler liegt im System"
Dies sagt Professor Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der DGOU. „Früher wurde das Krankenhaus nach Verweiltagen der Patienten bezahlt, also stieg die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus. Heute wird nach Fallpauschalen bezahlt, also steigen die Operationszahlen. Die Kliniken im Wettbewerb passen sich an“, so Niethard.

Dieser Systemfehler lasse sich bei Rückenerkrankungen gut veranschaulichen, so die DGOU. Wenn ein rückengeplagter Wirbelsäulenpatient bei einem niedergelassenen Orthopäden und Unfallchirurgen versorgt wird, erhält dieser dafür 120 Euro für die gesamte Behandlung pro Jahr. Das gleiche Leiden wird bei einer operativen Behandlung im Krankenhaus mit einem Vielfachen vergütet. Das heißt: „Der Niedergelassene kommt mit seinem Budget nicht aus. Damit ergibt sich ein einspuriges Gleis in Richtung operative Therapie“, so Niethard.

„Das zur Begrenzung der Fallzahlen eingerichtete DRG-System (diagnosebezogene Fallgruppen) hat keine wesentliche Veränderung gebracht“, sagt Professor Reinhard Hoffmann, stellvertretender Generalsekretär der DGOU. „Es handelt sich hierbei eher um ein Hindernis einer angemessenen hochwertigen Versorgung. Denn es zwingt die Versorger zum Teil in die Knie und begünstigt einen Teufelskreis. Sinnvoller ist ein System, das den Versorgungsauftrag, die Struktur- und Prozessqualität sowie Vorhaltekosten berücksichtigt, wie von der OECD gefordert.“

DGOU und DGOOC haben mit dem gemeinsam mit der AOK zusammengestellten Versorgungsatlas mehrfach verschiedene Anstöße zu Veränderungen der Versorgungsstrukturen gegeben. Die Fachgesellschaften bedauern, dass in diesem Bereich immer wieder einseitige Schuldzuweisungen an die Krankenhäuser erfolgen.