24. September 2014

Folgeerkrankungen vermeiden: „Diabetes STOPPEN – jetzt!“ fordert Nationalen Diabetesplan

v.l.: Prof. Thomas Haak, Diabetes Zentrum Bad Mergentheim, PD Dr. Erhard Siegel, Präsident der DDG, Anne-Katrin Döbler, Prof. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender diabetesDE, Elisabeth Schnellbächer, Diabetesberaterin, Diana Droßel, Diabetesberaterin.

Auf die dramatischen Folgen eines schlecht eingestellten Diabetes hat die Kampagne „Diabetes STOPPEN – jetzt!“ am 10. September 2014 in Berlin in einer Pressekonferenz aufmerksam gemacht. Im Fokus standen nicht zuletzt die Füße: Noch immer werden diabetesbedingt 40.000 Amputationen jährlich in Deutschland durchgeführt. Die Kampagne will weiter dafür kämpfen, Politik und Öffentlichkeit zu sensibilisieren – und endlich einen Nationalen Diabetesplan durchsetzen.

Trotz der erfolgreichen gemeinsamen Anstrengungen mit der Kampagne „Diabetes STOPPEN – jetzt!“ sei es im Bundestagswahljahr im ersten Anlauf nicht gelungen, Diabetes im Koalitionsvertrag sowie im Präventionsgesetz zu verankern, resümierte Prof. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE und Chefarzt am Kinderkrankenhaus Auf der Bult, Hannover. Doch die Beteiligten wollen nun erst recht für die Belange von Diabetespatienten kämpfen, zumal das Präventionsgesetz voraussichtlich 2015 im Bundesrat weiter beraten wird.

Nationaler Diabetesplan überfällig
„18 von 28 europäischen Ländern haben einen Nationalen Diabetesplan, Deutschland nicht!“, kritisierte Prof. Danne. Wie dringend eine Nationale Diabetesstrategie ist, machten die Experten anhand der häufigsten Folgeerkrankungen des Diabetes deutlich. Da diese in erster Linie durch einen langjährig schlecht eingestellten Diabetes auftreten, seien strukturierte Behandlungsansätze und eine politisch getragene Strategie umso wichtiger.

Mehr als 50 Prozent der Menschen, die eine maschinelle oder Bauchfelldialyse durchführen müssen, sind Diabetiker. „Das Risiko für eine Nierenersatztherapiepflichtigkeit ist bei erwachsenen Menschen mit Diabetes achtfach höher als bei einer vergleichbaren Gruppe ohne Diabetes“, berichtete Vorstandsmitglied Prof. Thomas Haak, Chefarzt des Diabetes Zentrums Bad Mergentheim. Trotz der Fortschritte in der Dialysebehandlung liege die Lebenserwartung aktuell durchschnittlich bei acht Jahren, machte er die Brisanz deutlich. Eine gute Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfetteinstellung sei unerlässlich, um diabetischen Nierenschäden vorzubeugen.

Auch für die Vermeidung der diabetischen Retinopathie ist die regelmäßige ärztliche Kontrolle und eine gute Blutzuckereinstellung wesentlich. Denn sie verläuft zunächst schleichend und anfangs ohne wahrnehmbare Sehstörungen. Dies hat zur Folge, dass die Augenerkrankung bei jedem dritten Typ2-Diabetiker erst dann diagnostiziert wird, wenn bereits größere Schäden am Auge vorliegen.

Aufgrund der Häufigkeit von Folgeschäden am Auge sei es umso unverständlicher, dass Blutzuckermessgeräte häufig nicht mit akustischen Funktionen für sehbehinderte Patienten ausgestattet seien, kritisierte die selbst blinde Diabetesberaterin Diana Droßel in aller Deutlichkeit. Die Technik gäbe dies längst her und geeignete Geräte werden den Betroffenen teilweise nicht erstattet oder wurden wieder vom Markt genommen. „Wir brauchen gesetzliche Regelungen, um die Chance zu haben, mit gutem Selbstmanagement Komplikationen wie Nierenversagen, Amputation, Herzkrankheiten oder Schlaganfall zu vermeiden!“, so Droßels Appell an die Politik.

Experten sind sich einig darüber, dass ein Großteil der Folgeprobleme von Diabetes mellitus durch eine frühzeitige und dauerhaft gute Blutzuckereinstellung vermeidbar wäre, erklärte Diabetesberaterin Elisabeth Schnellbächer. Umso wichtiger sei es, durch strukturierte, professionelle Schulungen einen Beitrag zur Senkung des Langzeitzuckerwerts HbA1c zu leisten. Untersuchungen hätten bereits belegt, dass die Schulung durch qualifizierte Diabetesberaterinnen zu einer deutlichen Verbesserung der Stoffwechseleinstellung führe und eine signifikante Erhöhung der Lebensqualität sowie einen gesünderen Lebensstil der Patienten erreichen kann.

Dass sich im Behandlungsalltag von Klinik und Praxis noch einiges ändern muss, akzentuierte PD Dr. Erhard Siegel, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin, Gastroenterologie, Diabetologie/Endokrinologie und Ernährungsmedizin am St. Josefskrankenhaus Heidelberg. So gebe es immer noch Regionen, in denen Diabetes-Pa­tienten schlechter versorgt seien als in anderen. „Außerdem haben wir Schnittstellenprobleme am Übergang zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, am Übergang in die Reha oder in der Pflege. Nur gemeinsam mit den Hausärzten, anderen Facharzt- und Berufsgruppen im Gesundheitswesen lässt sich eine gute Versorgungslandschaft Diabetes realisieren!“, betonte der DDG-Präsident. Sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen, der Aufbau eines Nationalen Diabetesregisters und eine verbesserte Versorgungsforschung und Qualitätssicherung seien in Deutschland dringend erforderlich.

Mehr Aufmerksamkeit für die Füße
Prof. Haak sensibilisierte die Presse für die Entstehung und Gefahren des Diabetischen Fußsyndroms. Er zeigte auf, wie Patienten durch Nervenschädigungen und Durchblutungsstörungen das Temperatur- und Schmerzempfinden in den Füßen verlieren und wie leicht daher unbemerkte Verletzungen zu gefährlichen Infektionen führen.  „Um Fußwunden zu vermeiden, sollten die Patienten risikostratifiziert werden, das heißt durch eine jährliche Fußinspektion soll das Gefahrenpotenzial für Fußverletzungen rechtzeitig erkannt werden!“, forderte Prof. Haak. Das Tragen richtiger Schuhe und das Vermeiden von Druckstellen auf der Fußsohle spiele bei der Prävention von Fußverletzungen eine entscheidende Rolle. Zudem machte der Chefarzt des Diabetes Zentrums Bad Mergentheim auf die Fußambulanzen nach den Richtlinien der Deutschen Diabetesgesellschaft aufmerksam und appellierte dafür, diese bei Fußverletzungen unbedingt aufzusuchen. Er klärte darüber auf, dass Wunden nur bei Druckentlastung heilen, sorgfältig versorgt und Infektionen antibiotisch behandelt werden müssen. Denn wenn erst der Knochen infiziert sei, heile die Wunde in der Regel nicht mehr aus und Amputationen seien die Folge.

Oliver Dieckmann, Hauptgeschäftsführer des Zentralverband Orthopädieschuhtechnik (ZVOS), war bei der Pressekonferenz im Publikum anwesend. Er begrüßt Prof. Haaks Ausführungen rund um den Diabetischen Fuß. „Die Warnung von Prof. Dr. Haak war alarmierend: 40.000 Amputationen im Jahr sind zu viel. Sie können durch einen Nationalen Diabetesplan und ein Netzwerk aus Behandlern verhindert werden. Der Orthopädieschuhmacher wird von Prof. Haak und diabetesDE zu Recht als wichtiges Glied in diesem Fußteam begriffen“, so Dieckmann. Er sprach Prof. Thomas Danne und diabetesDE-Geschäftsführerin Nicole Mattig-Fabian zudem seinen Dank dafür aus, dass sich diabetesDE am 14. Oktober 2014 auf dem Parlamentarischen Abend gemeinsam mit dem ZVOS für das Thema Diabetischer Fuß engagieren wird.

© sw/orthopädieschuhtechnik