05. November 2014

„Können (wollen) wir uns Qualität in der Hilfsmittelversorgung noch leisten?“

„Das eigentliche Dilemma ist doch nicht, dass dem wachsenden Versorgungsbedarf leere Töpfe gegenüberstünden, sondern dass trotz des zweifelsohne bestehenden Kostendrucks ein Denkverbot in Richtung alternativer Finanzierungsmodelle herrscht.“ Mit dieser zugespitzten Bestandsaufnahme appellierte Winfried F. Rohm, Sprecher von Eurocom Österreich, an die Dialogbereitschaft aller an der Versorgungskette beteiligten Akteure. Den geeigneten Rahmen dazu lieferte die Kooperationstagung, zu der Eurocom e. V. und die österreichische Bundesinnung für Gesundheitsberufe – Berufszweig Orthopädietechniker bereits zum vierten Mal einluden.

Die Podiumsdiskussion stand diesmal unter dem Titel „Können (wollen) wir uns Qualität in der Hilfsmittelversorgung noch leisten?“ Am 16. Oktober 2014 diskutierten rund 100 Repräsentanten aus Orthopädietechnik, Gesundheitsökonomie und Krankenkassen in der Linzer Stahlwelt über die Herausforderungen, denen sich die österreichische Hilfsmittelversorgung in Zukunft stellen muss.

An Dogmen rütteln statt Preisdumping diktieren
Die Ausgangslage: Heilbehelfe und Hilfsmittel machen nur 2,2 Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen aus, gleichzeitig stellen sie aber – bedingt durch den demographischen Wandel – einen Wachstumsmarkt dar. Die Folge: Zunehmend greifen Wirtschaftlichkeitshinweise seitens der Kostenträger in den Versorgungspfad ein. „Die zentrale Frage ist doch“, so  Heinz Illetschko, Vorsitzender des orthopädietechnischen Berufszweigs der österreichischen Bundesinnung für Gesundheitsberufe, „wie wir angesichts des wachsenden Kostendrucks auf Leistungserbringer und Hersteller die vorhandenen Mittel sinnvoll einsetzen wollen, um eine dezentrale flächendeckende Versorgung bei hoher Hilfsmittelqualität aufrecht zu erhalten. Das bedeutet auch, dass wir am Dogma des Aufzahlungsverbots rütteln müssen statt allein der Logik des Preisdumpings zu folgen.“

Dass Letzteres fatale Folgen hat –  sowohl für die Versorgungsqualität der Patienten als auch für die am Versorgungsprozess beteiligten Unternehmen und den Innovationsstandort Österreich, betont Winfried F. Rohm: „Weltweit nirgends stehen Preise so unter Druck wie in Österreich – mit weiter sinkender Tendenz, bedingt durch die geltende Einreichungspraxis, die einer Abwärtsspirale gleicht.“ Angesichts dieser Rahmenbedingungen sei es lediglich eine Frage der Zeit, dass die Entwicklung medizinisch innovativer Produkte im österreichischen Markt auf der Strecke bleibt und der Billigproduktion im Ausland Tür und Tor geöffnet werden. „Das vom Willen des Patienten getragene Prinzip der Aufzahlung hingegen“, so Rohm, „wäre ein Schritt in die richtige Richtung.“

Am Sachleistungsprinzip festhalten und Transparenz schaffen
Analog zur Situation in Österreich sind auch in Deutschland Wirtschaftlichkeitskriterien zunehmend bestimmend für den Versorgungsprozess. Paradigmatisch dafür ist die Abkehr vom Sachleistungsprinzip zugunsten des am Preisdumping orientierten Ausschreibungsverfahrens. „Worauf es in solchen Krisenszenarien ankommt, ist es, Leistungen transparent zu machen“, erklärte Olaf Kelz, Vizepräsident des deutschen Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik, und verweist auf die Festlegung eines exakten indikationsbezogenen Versorgungspfades, der jedes Hilfsmittel mit einer Kalkulation hinterlegt, die klar definiert, welche Leistungskomponenten das Hilfsmittel beinhaltet. „Mit diesem Instrument“, so Kelz, „haben wir eine wirkungsvolle Gegenmaßnahme entwickelt.“ Mittlerweile habe auch die gesetzliche Krankenversicherung die Erkenntnis erlangt, dass mit der Ausschreibungspraxis die Versorgungsqualität sinkt, und sei zur Praxis der Versorgungsverträge zurückgekehrt.

Ja zum Qualitätsanspruch systemimmanent realisierbar?
„In der Sozialversicherung geht es nicht immer nur ums Sparen“, betont Albert Maringer, Vorstand der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse. Worauf es aus Sicht der Kostenträger vielmehr ankomme, sei eine adäquate, am Maß des Notwendigen orientierte Versorgungsqualität. „Dabei“, so Maringer, „ist die Verhandlung auf Augenhöhe mit dem Vertragspartner ein wesentlicher Teil unseres Versorgungsauftrags. Daher befürworte ich keine Ausschreibungen. Sie bleiben immer nur der zweite Weg.“ Dass Kostendruck herrsche, sei nicht von der Hand zu weisen.

Der Sinn des von der Gesundheitspolitik vorgegebenen Dämpfungskurses liege jedoch in der langfristigen Finanzierbarkeit eines stabilen Gesundheitssystems. „Insofern sage ich: Ja, Innovation ist notwendig, aber innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Insofern müssen wir Regelungen finden, die eine qualitativ hochwertige Versorgung der Patienten gewährleisten und gleichzeitig mit den Möglichkeiten der Sozialversicherung verträglich sind.“

Dass die Tragfähigkeit eines solchen systemimmanenten Ansatzes nicht die ungeteilte Zustimmung des Publikums erfuhr, zeigte die engagierte Schlussdiskussion. Deren Tenor: Die qualitativ gute Grundversorgung ohne Aufzahlung muss sichergestellt sein. Nicht aber darf diese an ein grundsätzliches Aufzahlungsverbot gekoppelt werden. – Zumal diesbezüglich nicht einmal eine einheitliche Auslegung des Gesetzes praktiziert wird: Aufzahlungen sind in einigen Bundesländern möglich, in anderen nicht. Das Resümee der Gastgeber Winfried F. Rohm und Heinz Illetschko: „Die Einigelung vor der Aufzahlungsregelung ist nicht die Lösung. Weder verdrängt sie das Kassenprodukt noch die Grundversorgung. Vielmehr bildet die Aufzahlungsmöglichkeit überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die Grundversorgung dauerhaft zu erhalten. Wir plädieren für eine gelebte Auseinandersetzung.“