06. November 2015

Wirtschaftskammern fordern bessere Berufsorientierung an Schulen

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Die Präsidenten von Industrie- und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammer Region Stuttgart plädieren dafür, die Schüler der allgemeinbildenden Schulen im Land bei der Entscheidung über den Start ins Berufsleben noch besser als bisher zu unterstützen. Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern sehen hier eine gemeinsame Aufgabe, bei der sie Schulen und Lehrer unterstützen wollen. Zugleich sei es auch Aufgabe beider Kammerorganisationen, die Qualität der Ausbildung im Dualen System sicherzustellen.

Handwerkskammern und IHKs dienen hier sowohl den Betrieben wie auch den Auszubildenden und schützen auch Jugendliche, wenn Betriebe ihren Pflichten gegenüber ihren Auszubildenden nicht nachkommen.

"DGB interpretiert eigenen Ausbildungsreport nach Gusto"
In seinem kürzlich veröffentlichten Ausbildungsreport hatte der Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) behauptet, dass ein Drittel der Auszubildenden in Baden-Württemberg unzufrieden mit seiner Ausbildung sei. Diese Aussage, so Handwerkskammer-Präsident Rainer Reichhold, sei schlichtweg falsch. Richtig sei vielmehr, dass die Wirtschaft auf 20 Prozent „sehr zufriedene“ und über 50 Prozent „zufriedene“ Azubis stolz sein könne. „Eher unzufrieden“ und „sehr unzufrieden“ äußerten sich im DGB-Ausbildungsreport nämlich nur knapp sieben Prozent der Befragten.

IHK-Präsident Georg Fichtner weist darauf hin, dass die Qualitätssicherung in der Ausbildung eine hoheitliche Aufgabe der Kammern sei, die der Staat ihnen übertragen hat. „Wir lassen hier keinesfalls fünf gerade sein, sondern gehen jedem Hinweis nach, sollte es hier zu Verstößen kommen“, so Fichtner. Schon im Vorfeld einer Ausbildung verweigert die IHK die Eintragung eines Lehrvertrages, wenn erkennbar ist, dass der Betrieb die Bedingungen und Erfordernisse der Ausbildung nicht erfüllen will oder kann. „Bei Unregelmäßigkeiten in einem Ausbildungsbetrieb oder Spannungen in einem Ausbildungsverhältnis können Auszubildender und Betrieb eine Schlichtungsstelle anrufen“, so Fichtner. Dabei ist nicht allein die Rettung der bestehenden Ausbildungsverhältnisse das Ziel, sondern vor allem auch, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Bei der Eintragung von Verträgen gibt es laut Fichtner Auflagen für die Betriebe, wie zum Beispiel die Beschränkung auf eines statt mehrerer Ausbildungsverhältnisse. Verstöße werden durch die Kammern bei den Gewerbeaufsichtsämtern und Regierungspräsidium angezeigt.

Die Kammern nutzen überdies das ihnen zur Verfügung stehende Instrumentarium wie Betriebsbesuche – auch unangekündigt – durch die Ausbildungsberater der Kammern, beraten Ausbildungsbetriebe und sind auch Ansprechpartner für die Auszubildenden. „Wenn der DGB uns konkrete Fälle benennt, wo Qualität und Zufriedenheit nicht gegeben sind, dann gehen wir jedem Einzelfall nach“, so Fichtner.

Den Vorschlag des DGB-Jugendsekretärs, ein neutrales Kontrollgremium einzurichten, bezeichnet Handwerkskammer-Präsident Reichhold als „absurd“. Handwerkskammer und IHK beraten alle Seiten gleichermaßen. Sie sind laut Reichhold die nicht nur nach dem Gesetz zuständige, sondern auch eine absolut neutrale Stelle. „Wer hier mehr Staat fordert, schwächt das bewährte System der wirtschaftlichen Selbstverwaltung.“

Erwartungen an die Ausbildung oft unrealistisch
Einen maßgeblichen Einfluss auf die teilweise vorherrschende Unzufriedenheit der Azubis mit der Ausbildung sehen die Kammerpräsidenten in der nicht ausreichenden Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen. Die Erwartungen an die Ausbildung stimmten häufig nicht mit den Erfahrungen im Berufsalltag überein. „Der Abbruch der Lehre ist dann häufig die Korrektur einer falschen Berufsentscheidung“, erklärt Reichhold. Mit einem ganzen Bündel an Initiativen zur Berufsorientierung von Jugendlichen engagieren sich die Wirtschaftskammern, den Zielgruppen Schülern, Eltern und Lehrern die Welt der Ausbildungsberufe transparent zu machen.