05. Dezember 2017

Aktuelle Studien zum Diabetischen Fußsyndrom

Welche Faktoren beeinflussen die Adhärenz beim Tragen therapeutischer Schuhe? Und wie wirken sich verschiedene Entlastungsmaßnahmen auf die Abheilung von Ulcera aus? Dies sind einige der Fragen, mit denen sich aktuelle Studien zum Diabetischen Fußsyndrom befassen. Im Folgenden lesen Sie Reviews ausgewählter Studien, die für die Orthopädieschuhtechnik interessant sind. Von Maximilian Spraul

Adhärenz bei Therapie mit abnehmbaren Hilfsmitteln und Abheilung plantarer Ulcera

Hintergrund

Es gibt verschiedene Studien, die nachgewiesen haben, dass die fehlende Entlas­tung plantarer Ulcera bei Patienten mit diabetischer Polyneuropathie eine deutliche Verzögerung der Abheilung zur Folge hat. Die meisten dieser Studien verglichen dabei Unterschiede bei der Verwendung von abnehmbaren und nicht-abnehmbaren Entlastungshilfsmitteln (zum Beispiel geschlossene Gipse) in Bezug auf die Abheilung der Ulcera. Es gibt jedoch kaum Studien zur Tragecompli­ance bei abnehmbaren Hilfsmitteln und zu den Ursachen der geringen Akzeptanz.

Fragestellung

Das Ziel der Studie war die prospektive Erfassung der Abheilung von plantaren Ulcera und deren Beziehung zur Tragedauer von abnehmbaren Hilfsmitteln.

Patienten und Methoden

In dieser prospektiven, internationalen Multicenterstudie wurden 79 Patienten mit plantaren Ulcera untersucht, 46 Patienten aus Großbritannien und 33 aus den USA. Die Studiendauer betrug 6 Wochen.

Die Ulcera waren überwiegend oberflächlich und nicht ischämisch (University of Texas Classification: 1A 72 Prozent; 1B 11 Prozent; 2A 15 Prozent; 2B 1 Prozent).

Die meisten Patienten erhielten

eine abnehmbare Orthese (77 Prozent), die anderen überwiegend Therapieschuhe. Die Compliance bezüglich des Tragens der Hilfsmittel wurde ermittelt durch Aktivitätsmonitore, wobei einer am Gürtel getragen wurde und der andere ohne Wissen des Patienten im Walker eingebaut worden war. Des Weiteren kamen verschiedene psychologische Fragebögen zur Anwendung: Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS), Neuropathy and Foot Ulcer Quality of Life (Neuro­QoL) und das Revised Illness Perception Questionnaire (IPQ-R).

Ergebnisse

Die Compliance bezüglich der Entlastung wurde über 35±10 Tage erhoben. Die Hilfsmittel wurden während 59 ± 22 Prozent der täglichen Aktivität der Pa­tienten getragen.

In der multivariaten Analyse ergab sich, dass eine bessere Abheilung des Ulcus nach 6 Wochen assoziiert war mit einer höheren Compliance bezüglich des Tragens der Hilfsmittel, sowie außerdem mit einem kleinen Ulkus bei Studienbeginn und der Behandlung in Großbritannien.

Eine hohe Compliance bezüglich des Tragens der Hilfsmittel war signifikant assoziiert mit größeren und schweren Ulcera bei Studienbeginn, einer schwereren Neuropathie und mehr Schmerzen im Fuß.

Eine niedrige Compliance war hingegen bei denjenigen Patienten zu sehen, die entsprechend dem NeuroQoL bei Beginn der Studie eine höhere Instabilität beim Stehen aufwiesen.

HADS- und IPQ-R-Ergebnisse waren hingegen nicht assoziiert mit der Compliance bezüglich des Tragens der entlas­tenden Hilfsmittel.

Schlussfolgerungen

Eine hohe Compliance beim Tragen der Entlastungshilfsmittel bewirkte eine bessere Abheilung der plantaren Ulcera. Eine höhere Unsicherheit beim Stehen, wie sie bei älteren Patienten mit diabetischer Neuropathie häufig besteht, war hingegen ein starker Indikator dafür, dass das Hilfsmittel nicht regelmäßig getragen wird. Diese Tatsache sollte bei der Auswahl des Hilfsmittels berücksichtigt werden.

Kommentar

Diese sehr interessante Studie zeigt, dass eine Vielzahl der Patienten mit plantaren Ulcera ihr verordnetes Hilfsmittel nicht regelmäßig trägt. Eine sorgfältige Beurteilung, ob das verordnete Hilfsmittel es dem Patienten ermöglicht, überhaupt noch sicher zu gehen, ist immer notwendig. Diese klinische Beobachtung hat auch dazu geführt, dass sogenannte Vorfußentlastungsschuhe mit alleiniger Belastungssohle im Rückfuß („halbe Schuhe“) kaum noch verwendet werden, da ältere Patienten damit kaum sicher laufen können. Neben all diesen Faktoren ist aber auch die häufig unzureichende Qualität der Hilfsmittel, insbesondere der diabetesadaptierten Fußbettungen, verantwortlich dafür, dass Ulcera nicht abheilen.

Literatur

Crews RT et al.: Role and Determinants of Adherence to Off-loading in Diabetic Foot Ulcer Healing. A Prospective Investigation.  Diabetes Care 2016, 39:1371-1377

Welche Faktoren beeinflussen die Adhärenz beim Tragen therapeutischer Schuhe?

Therapeutische Schuhe werden verordnet, um diabetische Fußulcera zu verhindern. Die Schuhe werden jedoch oft nur selten getragen.

Fragestellung

Ziel der Studie war die Bewertung der Literatur zu Faktoren, die mit dem Befolgen des Tragens von Therapieschuhen assoziiert sind.

Methoden

Eine systematische Suche in PubMed, CINAHL sowie PsycINFO wurde durchgeführt.

Ergebnisse

In die Bewertung wurden 6 Studien eingeschlossen. Es fanden sich einige Belege (drei bis fünf Studien), dass das ­Geschlecht, die Diabetesdauer und die Ulcusvorgeschichte nicht mit dem Befolgen von Weisungen assoziiert waren. Die Evidenz für oder gegen die anderen Faktoren war schwach (nur eine oder zwei Studien) oder widersprüchlich.

Schlussfolgerung

Es gibt keine eindeutige Evidenz dafür, dass irgendein Faktor das Befolgen von Weisungen zum Tragen von Therapieschuhen vorhersagen kann. Es gibt allerdings einige Evidenz dagegen, bestimmte Faktoren für eine Voraussage der Adhärenz einzusetzen. Zukünftige Studien sollten weitergefasste Faktoren, zum Beispiel solche, die das Gesundheitssys­tem und soziale und ökonomische Belange betreffen, untersuchen.

Literatur

Jarl G et al.: Adherence to wearing therapeutic shoes among people with diabetes: a systematic review and reflections. Patient Prefer Adherence 2016; 10:1521-8

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