08. Februar 2017

Altersunterschiede beim Gehen unter Einfach- und Mehrfachtätigkeit

Altersunterschiede beim Gehen unter Einfach- und Mehrfachtätigkeit VON GRANACHER U1,2, MÜHLBAUER T1, BRIDENBAUGH S3, WEHRLE A3, KRESSIG RW3

Zusammenfassung
Das Alter ist geprägt durch kognitive und somatosensorische Funktionseinbußen, die zu Veränderungen im Gangbild führen. Daher war es das Ziel der Studie, die Auswirkungen kognitiver und motorischer Zusatzaufgaben auf die Gehgeschwindigkeit
junger und älterer Menschen zu untersuchen.

An der Studie nahmen 36 gesunde junge (n = 18, Alter 22,3 ± 3,0 Jahre, BMI 21,0 ± 1,6 kg/m²) und ältere Probanden (Pbn) (n = 18, Alter 73,5 ± 5,5 Jahre, BMI 24,2 ± 1,6 kg/m²) teil. Zur Bestimmung der kognitiven Leistung wurden der „Mini-Mental-State“ und der „Clock- Drawing-Test“ herangezogen. Die Gehgeschwindigkeit wurde mit Hilfe eines drucksensitiven Gangteppichs (GAITRite System®) unter Einfach- (Gehen), Doppel- (Gehen + kognitive Interferenz [KI] oder motorische Interferenz [MI]) und Dreifachtätigkeitsbedingung (Gehen + KI + MI) erfasst. Unabhängig von der Testbedingung gingen die älteren gegenüber den jüngeren Pbn langsamer (p < .001, in allen Bedingungen). Mit zunehmender Aufgabenkomplexität reduzierte sich die Gehgeschwindigkeit in beiden Altersgruppen (p ≤ .002, in beiden Gruppen). Die größere Reduktion der Gehgeschwindigkeit unter Mehrfachbedingungen älterer im Vergleich zu jüngeren Pbn deutet darauf hin, dass die Regulation des Ganges im Alter weniger automatisiert ist, das heißt mehr Aufmerksamkeitsressourcen benötigt. Aufgrund der alltagsnahen Bedeutsamkeit von Mehrfachtätigkeiten während des Gehens, wird zur Überprüfung der funktionellen Mobilität, die Ermittlung der Gehgeschwindigkeit unter Einbezug von Zusatzaufgaben empfohlen.

Problem- und Zielstellung

Der immer größer werdende Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft führt zwangsläufig zu einer Zunahme ­altersspezifischer Erkrankungen und Verletzungen. Für diesen Sachverhalt ist das zunehmende Auftreten von Stürzen im Alltag beispielhaft (40).

Stürze sind häufige und folgenschwere Ereignisse für den älteren Menschen. Gesunde und selbstständig lebende Menschen im Alter von 65 Jahren und älter erleiden zwischen 0,3 und 1,6 Stürze pro Person und Jahr (im Mittel 0,6 Stürze). Bei Menschen, die in Pflegeheimen wohnen, ist die Sturzgefahr mit 0,6 bis 3,6 Stürzen pro Bett und Jahr erheblich höher (im Mittel 1,7 Stürze) (40).

Fünf Prozent aller Stürze führen bei selbstständig lebenden älteren Menschen zu Frakturen, wobei Oberschenkelhalsfrakturen mit einer Häufigkeit von 1 bis 2 Prozent auftreten (23). Bei Pflegeheimbewohner steigt der prozentuale Anteil der durch Stürze verursachten Frakturen auf 10 bis 25 Prozent an (40). Die durch Stürze verursachten Kosten im Gesundheitssystem sind immens. In den USA beliefen sich die Behandlungskosten für das Jahr 2000 auf 19,2 Milliarden US Dollar (43). Für Deutschland werden die direkten Kosten (überwiegend Kosten zur stationären und unmittelbar post-stationären Versorgung von hüftgelenksnahen Frakturen) auf etwa 2,5 Milliarden Euro eingeschätzt (44). Neben den finanziellen Belastungen für das Gesundheitswesen bedeuten Stürze für die betroffenen Individuen eine Einschränkung der Lebensqualität aufgrund reduzierter Mobilität und verschlechter-ter körperlicher Funktionen.

Unterschiedliche epidemiologische Studien konnten eine Vielzahl von Faktoren ermitteln, die für das erhöhte Sturzrisiko im Alter verantwortlich sind (28). Defizite in der posturalen Kontrolle (11) und ein verändertes Gangbild (17) erhöhen nachweislich die Sturzgefahr im Alter. In diesem Zusammenhang konnten Guimaraes und Isaacs (17) bei hospitalisierten und gestürzten älteren Menschen im Vergleich zu Personen ohne Sturzvergangenheit reduzierte Gehgeschwindigkeiten, kürzere Schrittlängen und eine größere Variabilität der Schrittlänge feststellen.

Das Gehen ist eine hoch automatisierte Bewegung und wird beim jungen und gesunden Menschen weitestgehend im Unterbewusstsein über subkortikale Hirnregionen und das Rückenmark reguliert. Daher werden während des Gehens lediglich minimale Aufmerksamkeitsre­ssourcen beansprucht (19). Mit zunehmendem Alter setzen jedoch somatosensorische Defizite ein (15, 16, 41), die bei Betagten vermehrt Aufmerksamkeitsre­ssourcen während des Gehens binden. Werden nun während des Gehens zeitgleich Aufmerksamkeit benötigende ­kognitive und/oder motorische Tätigkeiten ausgeübt, können Interferenzen zwischen diesen konkurrierenden und auf gleiche Hirnareale zurückgreifende Aufgaben auftreten, was zu einer Überlastung („central overload“) der prozessierenden Strukturen führt (36). Zur Untersuchung dieses Phänomens wird das sogenannte Doppeltätigkeitsparadigma oder „Dual-Task Paradigma“ verwendet.

Das „Dual-Task Paradigma“ wurde vor zwölf Jahren erstmals von einer schwedischen Physiotherapeutin im Rahmen der Bestimmung des Sturzrisikos älterer Menschen beschrieben. Diese Arbeitsgruppe (29) konnte nachweisen, dass ­Senioren, die nicht gleichzeitig gehen und sprechen können, verstärkt sturzgefähr-det sind („stop walking when talking“). Weiterführenden Studien ist zu entnehmen, dass das Gehvermögen unter „Dual-Task“-Bedingungen einerseits vom Funktionsgrad der zerebralen Exekutivfunktion und andererseits vom Schwierigkeitsgrad der gestellten Zusatzaufgabe abhängig ist (7). Unter dem Begriff ­Exekutivfunktion werden hierbei diejenigen kognitiven Fähigkeiten zusammengefasst, die für Planung, Kontrolle, Ausführung und Abfolge komplexer und zielgerichteter Handlungen erforderlich sind (38). Aus der InCHIANTI-Studie geht eine eindrückliche Assoziation zwischen einer eingeschränkten Exekutivfunktion und einer Gehverlangsamung unter „Dual-Task“-Bedingungen hervor, die sich bei Probanden (Pbn) mit einer normalen Exekutivfunktion nicht feststellen ließ (7).

Daher bestand das Ziel der vorliegenden Studie in der Überprüfung der Auswirkung kognitiver und motorischer Zusatzaufgaben auf die Gehgeschwindigkeit junger und älterer Menschen. Es wurde angenommen, dass sich die Gehgeschwindigkeit beider Experimentalgruppen bei gleichzeitiger Ausführung einer kognitiven und/oder motorischen Interferenzaufgabe reduziert, wobei die Verminderung der Gehgeschwindigkeit bei den älteren Pbn aufgrund altersbedingter kognitiver und somatosensorischer Funktionseinbußen stärker ausgeprägt sein müsste.

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