05. September 2017

Der ältere Mensch und Einlagen

Ab- und Umbauprozess
Photographeeu/fotolia
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Beim Alterungsprozess verändern sich alle Anteile des sensomotorischen Systems – es findet ein Ab- und Umbauprozess statt. Einlagen können hier einen positiven Einfluss auf die Biomechanik, die Balance und krankheitsspezifische Beschwerden ausüben. Von Wolfgang Laube, Michael Kaune und Gregor Pfaff

Der Alterungsprozess steht für sehr schleichend beginnende, zunächst sehr langsam fortschreitende und deshalb auch sehr lange unbemerkt ablaufende systematische strukturelle und damit funktionelle Veränderungen in allen Anteilen des sensomotorischen Systems (wie auch in allen anderen Geweben und Organen des Körpers). Diese Veränderungen beginnen mit dem Start der alters­typischen Entwicklung des anabolen Hormonstatus, der spätestens im dritten Lebensjahrzent stattfindet (Leifke et al. 2000, Weiss et al. 2012). Auf der Basis des strukturellen Um- und Abbauprozesses erleiden fortschreitend alle Bewegungsleistungen Einbußen und erreichen letztendlich die Gebrechlichkeit. Bekannt ist auch, dass eine chronische physische Inaktivität und der Alterungsprozess zu vergleichbaren Ergebnissen führen.

Mit den modernsten bildgebenden Verfahren lassen sich inzwischen die Verknüpfungen zwischen Gehirnstruktur und physischer Mobilität gut untersuchen. Eine geringe physische Mobilität bedeutet zugleich eine abgebaute graue und weiße Gehirnsubstanz (Rosano et al. 2007, Holtzer et al. 2011, 2014, Ezzati et al. 2014). Mit dem Alter wird die be­wuss­te Kontrolle des Gehens erneut ausgeweitet. Der wieder erhöhte bewusste Kontrollbedarf des Gehens geht mit der verstärkten Aktivierung von „bewussten ZNS-Bereichen“, wie zum Beispiel dem „Vorstandsvorsitzenden des Gehirns“, dem präfrontalen Kortex, einher. Es besteht eine deutliche Abhängigkeit von der Integrität der grauen und weißen Substanz. Die Volumina der Nervenzell­ansammlungen einiger Gehirngebiete, die Gebiete der grauen Substanz, sind ein Spiegelbild der Muskelmasse (Kilgour et al. 2014).

Die Sauerstoffsättigung im präfrontalen Kortex steigt zwar bei jungen und alten Menschen beim Gehen an, aber bei den Älteren ist der Anstieg reduziert (Holtzer et al. 2011). Die Verkleinerung motorisch relevanter grauer Hirnregionen ist gleichbedeutend mit den klinisch sehr gut bekannten Merkmalen geringe Gehgeschwindigkeit und verminderte Leistungen der posturalen Regulationen für die Balance (Rosano et al. 2007, Callisaya et al. 2014). Genauso, wie der Muskel durch Inaktivität und Alter atrophiert und umgebaut wird, laufen auch im Gehirn Ab- und Umbauvorgänge ab. Der Status der Muskulatur zeigt den Status des Gehirns für die Sensomotorik an.

Die sensorischen Strukturen der Haut und der Propriorezeption der unteren Extremität verlieren an Funktion. Als Zeichen der bevorzugten Beteiligung der Pacini-Endorgane (FA-II-Sensoren, Beschleunigungssensoren; vgl. Laube et al. 2017) vermindert sich die Vibrations-empfindlichkeit. Gleichzeitig sinkt auch die Fähigkeit, verschiedene Reize zu unterscheiden. Die Veränderungen im Gehirn sind eben das Ergebnis erstens der zu geringen aktiven Anforderungen und zweitens der Alters­prozesse. Wer nicht gefordert wird, verliert Struktur für die Funktion.

Ältere Menschen haben deshalb eine reduzierte Balanceregulation. Sie be­nötigen eine intensivere mechanische Stimulation der verbleibenden Sensoren. Nur dadurch wird das Gehirn gefordert die Verarbeitungsleistung noch ausreichend hochzuhalten. Das bedeutet dann auch, den bisherigen hochgradig automatischen Modus der Gangsensomotorik länger zu erhalten.

Dies kann bei 77 (± 5,6)-Jährigen mittels Messung der Stoffwechselaktivität (Infrarotspektroskopie) des präfrontalen Cortex auch nachgewiesen werden. Das Gehen mit einer intensiven plantaren Stimulation durch raue (textured) Einlagen verursacht eine Reduktion der Aktivität des präfrontalen Cortex (Clark et al. 2014). Damit wird die hohe Wertigkeit und Wichtigkeit der plantaren Mechanoafferenzen für eine effektive Organisation der Gangsensomotorik eindrücklich belegt. Diese Funktion sichert zugleich die Gehirnstruktur.

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