27. April 2022

In Teilzeit zum Traumberuf

Cathleen Otto an ihrem Arbeitsplatz, bei Wirz Orthopädie Schuh Technik in Paderborn. (Foto: Cathleen Otto)

CHRISTINA BAUMGARTNER

Cathleen Otto absolvierte ihre Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin in Teilzeit – dadurch konnte sie Beruf und Familie besser vereinbaren. Inzwischen ist sie Gesellin und hat bei der Freisprechungsfeier an der Berufsschule in Lübeck-Travemünde eine Rede gehalten, die ein leidenschaftliches Plädoyer für ihren Beruf ist.

Eines wusste Cathleen Otto nach der Geburt ihrer beiden Kinder und dem Ende der Elternzeit ganz genau: An die Uni und in ihr Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Musikwissenschaften wollte sie nicht mehr zurück. Damit war für die Paderbornerin 2018 die Zeit der beruflichen Neuorientierung gekommen. Die Orthopädieschuhtechnik stand zunächst nicht auf ihrer Wunschliste. „Das war Zufall“, erzählt Cathleen Otto, „ich wollte ins Handwerk, hatte aber zunächst an Berufe wie Schreinerin oder Steinmetzin gedacht“. Bis sie in ihrem Heimatort Paderborn auf den Orthopädieschuhtechnikbetrieb von Ingolf Wirz stieß. „Ich habe einfach eine Bewerbung hingeschickt, ohne dass ich über den Beruf des Orthopädieschuhmachers viel wusste“, erinnert sich Cathleen Otto. Nach einem dreiwöchigen Praktikum sei sie dann „Feuer und Flamme“ gewesen. Durch Zufall erfuhr sie in dieser Zeit auch noch, dass bereits ihr Urgroßvater als Schuhmacher tätig war, was ihre Entscheidung für die Ausbildung in der Orthopädieschuhtechnik noch bestärkte.

Flexibilität trotz Ausbildung

Dass die Ausbildung auch in Teilzeit möglich ist, wusste Cathleen Otto zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihr Chef, Ingolf Wirz, machte sie auf diese Möglichkeit aufmerksam. „Er hat dann auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass das machbar ist“, erzählt Cathleen Otto. Und so konnte die damals 31-Jährige im September 2018 ihre Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin in Teilzeit beginnen. Mit einer täglichen Arbeitszeit von sechs Stunden auf Gleitzeitbasis war die junge Mutter trotz der Ausbildung flexibel. „Rückblickend war das Gold wert, ich würde es jederzeit wieder so machen und kann die Ausbildung in Teilzeit nur weiterempfehlen“, sagt Cathleen Otto. Bei der Wahl der Berufsschule habe sie sich bewusst für den Blockunterricht in Lübeck-Travemünde entschieden – um sich vollständig auf die Theorie konzentrieren und besser Kontakte zu anderen Mitschülern knüpfen zu können.

„Die Liebe zum Handwerk weitergeben“

Auch nach Ende ihrer Ausbildung ist Cathleen Otto bei Wirz Orthopädie Schuh Technik in Paderborn tätig. Auf ihren Wunsch hin auch weiterhin in Teilzeit und mit denselben Arbeitszeiten wie früher. Für sie war der Wechsel in die Orthopädieschuhtechnik die richtige Entscheidung: „Das ist ein wahnsinnig schöner Beruf, dabei bleibe ich“, sagt Cathleen Otto. Derzeit mache sie „rundum alles“ – von Schuhreparaturen über Schuhzurichtungen, Maßschuhe oder den Bettungsbau. Momentan plant sie, noch ein paar Jahre als Gesellin zu arbeiten und Erfahrung zu sammeln. Dann aber – wenn die Kinder, die aktuell sechs und sieben Jahre alt sind, größer sind, möchte Cathleen Otto gerne die Meisterprüfung ablegen, sich selbstständig machen, selbst ausbilden und die „Liebe zum Handwerk weitergeben“.

Das Gesellenstück von Cathleen Otto. (Foto: Cathleen Otto)

Rede zur Freisprechung: „Ein Beruf des Herzens“

Bei ihrer Freisprechungsfeier am 15. Januar 2022 an der Berufsschule Lübeck-Travemünde hielt Cathleen Otto folgende Rede.

Cathleen Otto zeigt auf einen Maßschuh – ihr Gesellenstück:

„Dieser Maßschuh hat uns zusammengebracht. Aber auch: die Blasen am Beginn der Ausbildung, als wir versucht haben, mit einem stumpfen Messer Hinterkappen zu schärfen. Das Einreißen des Futterleders beim Zwicken, oder auch das ‚Auf den Finger hauen‘ mit der Zwickzange und die Blutergüsse aushalten zu müssen. Was uns aber wirklich alle zusammen bringt: Wir sind Handwerker! Mit den Händen zu produzieren, ein Stück anzufertigen, das Nutzen hat – Menschen Freude und in unserem Fall sogar Lebensqualität zu bringen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin stolz, mich für diesen Beruf entschieden zu haben. Genau deshalb habe ich in der Zwischenprüfung und der Gesellenprüfung gezittert und gehofft, dass das, was ich gelernt habe – ob theoretisch oder praktisch – ausreicht, um endlich meinen Gesellenbrief erhalten zu können.

Mir wurde gesagt: Handwerker sind ein eigenes Völkchen. Und jetzt weiß ich, es ist auch so. In den dreieinhalb Jahren habe ich Menschen getroffen – euch alle – die mit dem Herzen in den Händen und Empathie im Gesicht in die Welt schauen. Mit dem Wissen, dass unser Handwerk – unser gelerntes Können – uns durch unser Leben bringen wird.

Wenn die Werkstatt zu deinem zweiten Wohnzimmer wird und du manchmal mit dem Arbeiten nicht aufhören kannst, weil ‚nur noch das hier‘ fertig werden soll, dann ist sicher, dass dieser Beruf der richtige ist. Und aus vielen Gesprächen mit vielen von euch weiß ich, dass es euch genauso geht wie mir.

Ich bin stolz auf euch und uns alle, dass wir auch in dieser Coronazeit unser Ziel erreicht haben.

Heute werden wir frei gesprochen – nach alter Ehre des Handwerks. Freigesprochen von der Lehre, den Anstrengungen, die jeder einzelne während dieser Zeit hatte, frei gesprochen von Azubi-Arbeiten. Wir werden aufgenommen in die Riege der Macher und Könner. Ich möchte nicht von ‚Chancen auf dem Arbeitsmarkt‘ reden und nicht von der Redewendung ‚Handwerk hat goldenen Boden‘ – ich denke, dass der Beruf des Orthopädieschuhmachers ein Beruf des Herzens ist. Dass wir alle hier mit Menschen und Einzelschicksalen arbeiten wollen und werden. Und genau das macht uns aus.

Einige werden sich spezialisieren, etliche werden ihren Meister machen, andere werden vielleicht an die Uni gehen. Es gibt so viele Wege, die uns offenstehen. Ich jedenfalls freue mich, so viele tolle und vor allem begabte Menschen während dieser Zeit kennen gelernt zu haben und hoffe, dass sich unsere Wege irgendwann wieder kreuzen. Die Welt ist klein. Ich baue darauf.

Zu guter Letzt natürlich noch ein dickes Dankeschön an die Lehrer (Fr. Sengler, Fr. Hellmann, H. Golnik, H. Flüh, H. Zimmermann, H. Carstens und alle anderen) und besonders Herrn Blau, die uns alle auch innerhalb der gesamten Klassengruppen motivieren konnten. Also, lasst uns feiern und trinken und diesen großen Erfolg so in Erinnerung behalten, dass wir unseren Enkeln noch nahelegen werden, ein Handwerk zu erlernen. Vielen Dank.“