24. Juni 2022

Nachhaltig neu gebaut

Alexandra Stuhler und Jörg Aumann freuen sich über den Erweiterungsbau, der im Dezember 2021 bezogen werden konnte. Foto: Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel

CHRISTINA BAUMGARTNER

2018 haben Jörg Aumann und Alexandra Stuhler in Neusäß bei Augsburg eine ehemalige Apotheke in einen modernen Orthopädieschuhtechnikbetrieb verwandelt. Inzwischen konnte der Betrieb erweitert werden – nebenan ist ein neues, nachhaltiges Gebäude mit moderner Haustechnik entstanden, das Platz für eine große, offen gestaltete Werkstatt bietet.

Im Oktober 2018 haben Jörg Aumann und Alexandra Stuhler ihren Betrieb „Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel“ im Neusäßer Stadtteil Westheim eröffnet (wir berichteten in Orthopädieschuhtechnik 5/2019). „Kurz darauf sind wir dann zum ersten Mal damit konfrontiert worden, dass der Vermieter den Garten des Hauses verkaufen möchte“, erzählt Jörg Aumann. Nach intensiven Überlegungen erwarben die beiden im Dezember 2020 schließlich das benachbarte zirka 550 Quadratmeter große Grundstück – mit Baugenehmigung. Denn der Betrieb – zwischenzeitlich erheblich gewachsen – benötigte nun deutlich mehr Platz als in den bisherigen Räumlichkeiten zur Verfügung stand. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht und Argumente abgewägt – auch die Möglichkeit, in einem Industriegebiet eine Halle für eine externe Werkstatt zu mieten oder einen ganz neuen Standort für den Betrieb zu suchen“, meint Jörg Aumann. Die Vorteile der jetzigen Lösung aber lägen auf der Hand. Der in direkter Nachbarschaft und parallel zum Altbau platzierte Neubau ermöglicht ein flexibles und schnelles Agieren zwischen den Arbeitsbereichen. Beide Gebäude sind durch einen überdachten Übergang miteinander verbunden. Im Altbau befindet sich nach wie vor der große Verkaufsraum mit rund 60 Quadratmetern, ein Büro, ein zusätzlicher Arbeitsraum sowie drei Maßkabinen. Die Werkstatt ist jetzt im Neubau zu finden, neben dieser beinhaltet das Gebäude auf insgesamt 125 Quadratmetern auch noch einen Maschinenraum, ein Büro, Toiletten und zwei Technikräume.

Von der Werkstatt in den Verkaufsraum und zurück

Das inzwischen zwölfköpfige Team besteht neben den beiden Inhabern aus sechs weiteren Orthopädieschuhmachern, drei Auszubildenden und einer Mitarbeiterin, die sich um die Büroorganisation kümmert. Die OSM sind in allen Bereichen tätig – in der Werkstatt und im Laden, hinzu kommen Bürotätigkeiten. „Für die Mitarbeitenden ist es eine vielschichtige Arbeit“, erklärt Alexandra Stuhler, „und wir haben die Erfahrung gemacht, dass Fachkräfte bei Fragen im Verkaufsraum bessere Ansprechpartner sind“. „Ist im Laden viel los, sind sie dort und sobald es in diesem Bereich wieder ruhig ist, geht es zurück in die Werkstatt“, beschreibt Jörg Aumann die Abläufe. „Das wäre mit einer Werkstatt an einem anderen Standort nicht möglich gewesen“. „Deshalb haben wir alles daran gesetzt, hier in unserem schönen Laden bleiben zu können“, ergänzt Alexandra Stuhler. „Es war ein absoluter Glücksfall, dass sich der Betrieb so gut entwickelt hat und wir in derselben Phase das Grundstück nebenan angeboten bekommen haben. Wir haben uns in den letzten paar Jahren hier einen tollen Kundenstamm erarbeitet“. Mit der starken Nachfrage nach orthopädischen Maßschuhen hätten sie zu Beginn selbst nicht gerechnet – teilweise würden sogar Kunden aus Regensburg oder Heidelberg, viele auch aus einem Umkreis von 30 bis 40 Kilometer Umkreis nordwestlich von Augsburg, kommen.

Der ovale Arbeitstisch ist der zentrale Mittelpunkt der neuen Werkstatt. Die Platte besteht aus Eschenholz, ebenso wie der Fußboden. Materialien werden direkt unter der Arbeitsfläche gelagert. Foto: Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel  Ein zwölfköpfiges Team braucht Platz – den bietet der Neubau mit einer  zusätzlichen Fläche von 125 Quadratmetern. Foto: Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel 

Der ovale Arbeitstisch als zentraler Mittelpunkt

Bei der Werkstattplanung spielten ergonomische Aspekte eine große Rolle. Ein ovaler Arbeitstisch mit einer Platte aus massivem Eschenholz fungiert als zentraler Mittelpunkt der Werkstatt und ermöglicht es, gemeinsam zu arbeiten. In die Arbeitsplatte sind Bildschirme integriert, über die die jeweiligen Fußscans abrufbar sind. Auch Sichtachsen sind von Bedeutung: „Wir hätten die Fenster zum Maschinenraum und zum Büro auch kleiner machen können, aber es war uns wichtig, dass ein Miteinander entsteht und keine separaten Bereiche“, so Stuhler. In diesem Sinne wird auch der zwischen beiden Gebäuden entstandene Innenhof genutzt, der bei schönem Wetter als zusätzlicher Aufenthaltsbereich dient – zum Beispiel bei gemeinsamen Mittagspausen. Auch Patienten, die sich im dritten Maßraum im Geschäftsgebäude aufhalten, können durch das Fenster direkt in die Werkstatt schauen.

Ein weiteres Ziel bei der Planung: Für jedes Material sollte es nur noch einen Lagerort geben, deshalb beinhaltet der Arbeitstisch auch die Materialien. „Wir sind bestrebt, ein Tages- oder Handlager zu vermeiden“, erklärt Jörg Aumann. Auf einen Blick sollte erkennbar sein, welche Menge des jeweiligen Materials noch vorhanden ist. „Früher mussten wir für jede Schuhzurichtung in den Keller gehen, nun haben wir das Materiallager in direkter Nähe“, sagt Alexandra Stuhler.

Nur eines war auch für die beiden erfahrenen Orthopädieschuhmachermeister neu – mit dem Erweiterungsbau musste plötzlich zwischen zwei Gebäuden kommuniziert werden. Dafür haben sie sich eine ebenso innovative wie kuriose Lösung einfallen lassen, die eine Kommunikation ermöglicht, ohne zum Telefonhörer greifen zu müssen. Halten sich im Verkaufsraum viele Kunden auf, kann per Schaltknopf eine rote Leuchte in der Werkstatt ausgelöst werden: Das ist das Signal, dass im Verkaufsraum Unterstützung gebraucht wird.

Der überdachte Übergang führt vom alten in das neue Gebäude und die Werkstatt. Foto: C. Maurer Fachmedien   Gemeinsames Arbeiten am zentralen Arbeitstisch in der Werkstatt. Foto: Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel  

80 Prozent der Energie wird selbst erzeugt

Ein nachhaltiges Gebäude aus möglichst vielen regionalen Materialien entstehen zu lassen – das lag Alexandra Stuhler und Jörg Aumann besonders am Herzen. So besteht der Fußboden in der Werkstatt aus Eschenholz. Verwendet wurden Bäume aus dem Augsburger Siebentischwald, die aufgrund des Eschentriebsterbens ohnehin gefällt werden mussten. Aus Holz ist auch die Einbau-Schrankwand und insgesamt acht Fahrwagen, die von Alexandra Stuhlers Ehemann, einem Schreinermeister, gefertigt wurden. Bei der Auswahl der Holz-Alu-Fenster achteten die beiden OSM besonders auf eine gute Dämmqualität. Beheizt wird das Gebäude durch eine Fußbodenheizung in Kombination mit einer Luft-Wärmepumpe. Den Strom dafür liefert eine Photovoltaikanlage, die die gesamte Dachfläche bedeckt: „80 Prozent der benötigten Energie können wir nun selbst erzeugen“, erläutert Jörg Aumann. Mit dem eigenen Solarstrom werden auch die beiden Elektrofahrzeuge geladen.

„Alle Maschinen – bis auf die Vacupress – wurden gebraucht gekauft, ertüchtigt, gewartet und so umgebaut, dass sie an die zentrale Staubabsaugung angeschlossen werden konnten“, sagt Alexandra Stuhler. In dem neuen Gebäude ist auch ein separater Kompressorraum untergebracht – die Staubabsaugung wurde darin ausgelagert. „Weniger Lärm, weniger Wärme und der Staub landet direkt neben der Mülltonne“, erklärt Jörg Aumann die Vorteile der separaten Lösung.

 Der Maschinenraum ist – wie auch das Büro – durch große Fenster mit der Werk- statt verbunden. Bei der gesamten Planung wurde darauf geachtet, dass keine separaten Bereiche entstehen. Foto: Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel  Durchdachte Aufbewahrungsmöglichkeiten sorgen dafür, dass das Werkzeug immer an seinem Platz zu finden ist. Foto: Aumann und Stuhler – Orthopädieschuhtechnik am Kobel

Ein autarkes Gebäude

Optisch ist der Neubau an das Geschäftsgebäude angelehnt. Die Fassaden sind in derselben Farbe gestrichen und auch innen findet sich das dunkle Blau aus dem Verkaufsraum in der Werkstatt wieder. Genauso wie Elemente aus der Zeit, als das Gebäude noch als Apotheke genutzt wurde – zum Beispiel ein Apothekerschrank. Auch die alte Nähmaschine eines verstorbenen Schuhmachers, die beinahe auf dem Müll gelandet wäre, von Alexander Stuhler „gerettet“ wurde und inzwischen sogar wieder funktionstüchtig ist, ist in der neuen Werkstatt zu finden. Trotz aller optischen Anpassungen war es den beiden Orthopädieschuhmachern wichtig, den Erweiterungsbau als autarkes Gebäude zu entwickeln. „Der Neubau ist so konzipiert, dass er prinzipiell auch komplett unabhängig vom Geschäftsgebäude genutzt werden kann“, macht Jörg Aumann deutlich.

Die Planung des Gebäudes übernahm ein Augsburger Architekturbüro, das Nutzungskonzept entwickelten die beiden selbst. Zunächst hatten sie überlegt, vier möblierte Miniappartements in Holzbauweise für Beschäftigte des nahen Augsburger Universitätsklinikums über der Werkstatt zu errichten. Da die Stadt Neusäß aber maximal ein eingeschossiges Gebäude akzeptiert habe, sei diese Idee schnell wieder ad acta gelegt worden, erzählt Jörg Aumann.

Komplexe Haustechnik

Separater Kompressorraum mit Stauabsaugung. Foto: C. Maurer FachmedienBereits in den Morgenstunden wurden oft schon Gespräche geführt, gemeinsam überlegt und vermessen, denn die beiden OSM koordinierten vor Ort vieles selbst. Zudem lief der Betrieb ganz normal weiter. Besonders die Haustechnik sei eine Herausforderung gewesen. „Die Verrohrung der Lüftungsanlage und der Verlauf an der Decke – das war wirklich komplex“, erzählt Jörg Aumann. „In dem Betongebäude musste jede Steckdose vorher festgelegt sein, jeder Wanddurchlass, alles musste detailliert geplant werden, der Planungsaufwand war sehr hoch“, erinnert sich Alexandra Stuhler.

Baustart war im Juli 2021; fünf Monate später – im Dezember – war der Bezug des Neubaus dann möglich. Die letzten Platten im Innenhof wurden erst vor kurzem noch gelegt, pünktlich zum Tag der Offenen Tür am 23. April konnte das Projekt komplett abgeschlossen werden. „Es war eine intensive Zeit, wir haben alle Energie in den Bau gesteckt und ihn mit aller Kraft vorangetrieben, weil wir so schnell wie möglich fertig werden wollten. Wir haben zuletzt zu acht in zwei kleinen Zimmern produziert, das war einfach viel zu eng“, sagt Alexandra Stuhler und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Nun darf es aber gerne auch wieder etwas ruhiger werden“.

 

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