02. September 2022

Digitales Lernen und Qualitätsmanagement – Aktivitäten am KomZet Langen

Das Team des KomZet O.S.T. Langen (v.l.): Marion und Gerwin Limbach und Katja Streckhardt. Foto: C. Maurer Fachmedien

ANNETTE SWITALA

Der Aufbau einer digitalen Lernplattform und eines Qualitätsmanagement-Systems für die Orthopädieschuhtechnik sind die derzeitigen Hauptprojekte des Kompetenzzentrum Orthopädieschuhtechnik Langen. Die Aktivitäten sind so weit fortgeschritten, dass „Moodle“ bereits ersten Einsatz als „Lern-Tool“ an der Meisterschule findet. Darüber hinaus bietet die Plattform viele weitere Möglichkeiten für die Kommunikation und die Wissensvermittlung in der Branche. Auch die Pläne für das Qualitätsmanagement haben Gestalt angenommen.

An unserem Standort des KomZet O.S.T. haben wir lauter Projekte, die man in einem Laptop, Tablet oder Handy transportieren kann“, sagt Gerwin Limbach, Leiter des Bildungszentrum Orthopädie-Schuhtechnik Südwest (B-O-S-S) und Geschäftsführer von dessen Trägerverein Fachverband Orthopädie Südwest. „Management und Führung“ lautet der Schwerpunkt des KomZet in Langen – und in diesem Bereich treibt es mehrere Projekte voran, welche die Betriebe insbesondere mit digitalen Mitteln fit für die Zukunft machen sollen. Der Aufbau einer E-Learning-Plattform und eines QM-Systems stehen hier auf der Agenda ganz oben.

Ein Schub für das digitale Lernen

„Das B-O-S-S Langen hatte von Anfang an einen aktiven Blick auf die Corona-Pandemie“, erläutert Limbach. „Deshalb haben wir das Projekt, eine E-Learning-Plattform aufzubauen, vorgezogen.“ 2020 hatte die Meisterschule wegen der Corona-Pandemie den Sommerkurs mitten in den Meisterprüfungen abbrechen müssen. „In dieser Situation wurde noch einmal klarer, dass die dringendste zu lösende Aufgabe die Schaffung digitaler Lern- und Kommunikationsmöglichkeiten ist. Uns war wichtig, dass die Schüler ortsunabhängig und jederzeit lernen können.“

Nach umfassenden Recherchen und Vergleichen verschiedener Tools entschied sich das Team des KomZet Langen für „Moodle“. Die Lernplattform ist an deutschen Schulen und Universitäten, aber auch international stark verbreitet und wird in Deutschland von „eLeDia – eLearning im Dialog“ bereitgestellt.

Moodle stellt virtuelle Kursräume zur Verfügung. Lehrende können hier verschiedenartige Arbeitsmaterialien und „Lernaktivitäten“ einstellen. Dabei können unterschiedliche Aufbereitungsformen – PDF, „Wikis“, Tests, Videos, 3D-Darstellungen etc. – genutzt werden. Jeder Kurs kann so konfiguriert werden, dass ihn nur angemeldete Teilnehmer besuchen können.

Neue Lernmöglichkeiten an der Meisterschule

Einsatz findet Moodle schon an der Meisterschule, für die erste Inhalte bereits eingepflegt wurden. „Auf Dauer bietet die Lernplattform hier eine Vielfalt neuer Möglichkeiten. Teilnehmer können, wann immer sie wollen, auf die für sie freigeschalteten Lerninhalte zugreifen, um Unterricht vor- und nachzubereiten. Lehrer können das Portal auch für den Unterricht nutzen“, erklärt Gerwin Limbach. „Dabei ist Moodle viel mehr als nur eine Lernplattform. Die Teilnehmer können sich in virtuellen Konferenzräumen treffen, Teamarbeit machen, chatten oder dem Dozenten eine Frage stellen. Der Lehrer kann ihnen Nachrichten und Rückmeldungen schicken. Im Grunde ist Moodle auch ein Interaktionstool“, bringt es der Schulleiter auf den Punkt.

Marion Limbach. Foto: KomZet O.S.T.Marion Limbach ist Projektassistentin am KomZet O.S.T. Langen. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Vorbereitung und Mitwirkung bei Sitzungen und Veranstaltungen, der Zusammenstellung von Dokumentationen, der Datenverwaltung und Belegprüfung projektbezogener Vorgänge und der Unterstützung der Marketing-Aktivitäten. Die gelernte Arzthelferin verfügt auch über Erfahrung im Bereich Medizinprodukte-Beratung und Verkauf, zudem assistiert sie seit fast fünf Jahren der leitenden Podologin des B-O-S-S im Unterricht. 

Insgesamt wird der Unterricht an der Meisterschule gerade digitaler. Sowohl für das KomZet als auch für die Unterrichtsräume wurden mehrere teils mobile, teils fest installierte Multimedia-Touch-Screens (86 und 65 Zoll) angeschafft. Auch die Werkstätten und Maßräume sind damit ausgestattet. Bis zu vier dieser Monitore aus verschiedenen Räumen können miteinander verknüpft werden. Die Lehrenden können Inhalte von ihren Laptops, Tablets oder Handys per WLAN oder Bluetooth auf dem Monitor sichtbar machen. Händisch schreiben oder zeichnen kann man auf dem Touch-Screen auch. „Wir haben auch mehrere Dokumentenkameras angeschafft, so dass direkt auf dem Monitor zu sehen ist, wenn ein Dozent zum Beispiel etwas auf seinem Pult zeichnet oder vormacht“, erzählt Gerwin Limbach.

Der Aufbau von digitalen Lerninhalten für die Moodle-Plattform, aber auch die Schulung der Dozenten erfordert großen Einsatz und wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. OSM Katja Streckhardt, die am B-O-S-S Schaftbau unterrichtet und viele Jahre an der Paul-Ehrlich Schule in Frankfurt gelehrt hat, treibt diese Aufgabe als Moodle-Beauftragte am KomZet Langen mit voran.

Auch die Werkstattausstattung wurde umfassend modernisiert, hier mit neuen Vacupress-Tiefziehgeräten. Foto: C. Maurer Fachmedien

„Für die Dozenten sind die erforderliche Neuaufbereitung von Unterrichtsmaterialien und das Einfinden in die Plattform eine enorme Herausforderung“, sagt sie und verrät: „Auch ich habe am Anfang sehr viel Zeit und Energie investiert, bis es für mich selbstverständlicher wurde. Das alles muss ja neben dem normalen Arbeitsalltag bewältigt werden. Aber die Möglichkeiten, welche die neue Plattform bietet, sind einfach super, und ich bin überzeugt davon, dass es in der Digitalisierung, die durch die Corona-Pandemie viele Fortschritte gemacht hat, kein Zurück mehr gibt.“

Zielgruppen über die Schulen hinaus

Auch den beiden anderen KomZet-Standorten bzw. Meisterschulen wird Moodle künftig als Lernplattform zugänglich gemacht; die Administration wird aber weiterhin in Langen liegen. Dabei wollen die Meisterschulen die Lerninhalte unabhängig voneinander (in eigenen Kursen) ihren jeweiligen Schülern bereitstellen.

Die anderen beiden Standorte des KomZet O.S.T. werden in absehbarer Zeit zum Beispiel Lerninhalte zu ihren Themenschwerpunkten 3D-Druck und Scantechnik (Siebenlehn) oder Bewegungsanalyse (Hannover) einstellen.

„Man kann mit Moodle mit einer Vielzahl an Partnern zusammenarbeiten und trotzdem arbeitet jeder von ihnen in seinem eigenen geschützten Bereich, auf den dann nur die gewünschten Teilnehmer Zugriff erhalten“, erläutert Katja Streckhardt. „Das KomZet in Langen wird, nicht zuletzt auch wegen rechtlicher Verantwortlichkeiten, allerdings immer die Hand darüber halten und die jeweiligen Kursbereiche freischalten.“

Über die Meisterschulen hinaus soll die neue Lernplattform künftig weitere Einsatzmöglichkeiten in der Branche finden. Neben den Meisterschülern sollen auch die Teilnehmer der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen davon profitieren. Denkbar sei auch, dass künftig zum Beispiel Arbeitsmaterialien der Sicherheitsschuh- oder der überarbeiteten Diabeteslehrgänge als kostenpflichtige Online-Seminare mit Abschlusstests über die Plattform für die Kursteilnehmer bereitgestellt werden, so Limbach.

Nur Beispiele für viele digitale Neuanschaffungen: IPad mit Structure Mark2-3D-Scan-Ausstattung und einer Software für 3D-Bein- und Fußvermessung (links). Rechts: Frisch eingetroffene 3D- und 2D-Scanner. Foto: C. Maurer Fachmedien

Zu einem möglichen Einsatz in den Berufsschulen hat das KomZet Langen Kontakt mit dem Verband der Berufsschullehrer ALOST aufgenommen. Als erster externer Bildungsanbieter nutzt der Verein Praeparatio, der Gesellen bei der Vorbereitung auf die Meisterschule unterstützt, das Moodle-System des KomZet Langen, um Lernmaterialien für seine Mitglieder bereitzustellen. Insgesamt soll die Plattform sukzessive weiter ausgebaut werden, um das digitale Lernen in der Orthopädieschuhtechnik zu fördern.

Qualitätsmanagement für OST-Betriebe

„Viele Betriebe, die sich in der Vergangenheit noch nicht mit dem Thema Zertifizierung und Qualitätsmanagement beschäftigt haben, erleben gerade mit der MDR ein unschönes Erwachen“, weiß Gerwin Limbach. Die bürokratischen Anforderungen und Nachweispflichten sind mit der MDR nochmals gestiegen, so manch einer fragt sich, wie er die klinische Bewertung, das Risikomanagement und alle anfallenden Dokumentationen in seinem Betrieb bewerkstelligen soll. Zwar gibt es inzwischen viele Fortbildungsmöglichkeiten, aber nur wenige sind speziell auf die Orthopädieschuhtechnik zugeschnitten und ausreichend konkret. „Auch über die MDR hinaus gibt es ja immer wieder Änderungen in der Rechts- und Normenlage, neue Qualitätsanforderungen oder Vorgaben der Krankenkassen, die zu erfüllen sind – und die Betriebe werden immer wieder gefordert sein, sich darauf einzustellen“, sagt Limbach. Deshalb hat sich ein weiteres Projekt des KomZet Langen den Aufbau eines Qualitätsmanagement-Systems für die Branche zur Aufgabe gemacht. Es soll die Betriebe nicht nur in die Lage versetzen, auf möglichst effiziente Weise die Anforderungen der MDR zu erfüllen. Auch Bereiche wie Arbeitssicherheit, Feuerschutz oder Maschinenprüfungen sollen mit abgedeckt werden. Gleichzeitig soll es auch darum gehen, wie die Prozesse im Orthopädieschuhtechnik-Betrieb optimiert werden können. „Die Idee ist, ein QM-System zu entwickeln, in dem die nötigen Formalitäten und Eingaben direkt im laufenden Prozess gemacht werden können, so dass sich nicht in regelmäßigen Abständen einer extra hinsetzen muss, um mühselig alles zusammenzutragen“, erklärt Gerwin Limbach.

Nicht nur im Schulungsraum gibt es große Multimedia-Touchscreens. Auch die wichtigsten Unterrichtsräume sind damit ausgestattet. Foto: C. Maurer Fachmedien

Für den Aufbau des QM-Systems und die Entwicklung einer darauf aufbauenden Dienstleistung für die Betriebe hat sich das KomZet Langen erfahrene Partner gesucht. Die Hawe Service GmbH berät und schult bereits seit 14 Jahren Betriebe des Gesundheitshandwerks bei der Zertifizierung und im Qualitätsmanagement. Mit der Firma Nord-IT-Systeme GmbH wird derzeit ein Konzept zur Umsetzung erarbeitet; mit weiteren Kooperationspartnern ist das KomZet O.S.T. im Gespräch.

„Auf Dauer möchten wir als Kompetenzzentrum Schulungen, Materialien und im besten Falle auch Software zum Qualitätsmanagement und zur Prozessoptimierung für die Betriebe anbieten“, erklärt Gerwin Limbach. „Wenn das Projekt abgeschlossen ist, möchten wir Betriebe persönlich beraten – und für weiterführende Dienstleistungen individuell zugeschnittene Angebote über unsere Kooperationspartner bereitstellen“, blickt er in die Zukunft.

Auch auf Laufanalyse- und 3D-Druck-Lehrgänge vorbereitet

Die drei Standorte des KomZet O.S.T. in Langen, Siebenlehn und Hannover kooperieren eng, die jeweils entwickelten Projekte werden auch an den anderen Standorten ihre Anwendung finden. Auf die Lehrgänge, die Siebenlehn im Bereich 3D-Druck und Hannover in der Bewegungsanalyse erarbeiten, hat sich Langen mit neu angeschaffter Technik bereits vorbereitet. Seit 2017 verfügt die Meisterschule über einen Filament-3D-Drucker, im März 2022 wurden zusätzlich zwei Resin-Drucker angeschafft. In der Haltungs- und Bewegungsanalyse wurde unter anderem 2021 ein Laufband mit integrierter Fußdruckmessung sowie Hard- und Software zur Haltungsanalyse (Diers Formetic 4D mit pedogait, legaxis und Simulationsplattform) angeschafft, außerdem sind schon seit längerem eine stationäre und mobile Videoanalyse mit Eidoo-IPad von Dartfish und ein Woodway Laufband im Einsatz.

Das Lehrerzimmer als Experimentierlabor

Für das Ausprobieren neuer digitaler Technik hat Gerwin Limbach ein besonderes Faible. Das Lehrerzimmer nennt er humorvoll sein „derzeitiges Experimentierlabor“, hier landet zunächst jede digitale Neuanschaffung. Eine Reihe neuer Flachbettscanner fallen ins Auge, die in Kürze in neue Maßpodeste eingebaut werden sollen. 16 neue Schulungs-Laptops werden gerade in einem speziell dafür ausgestatteten Aufbewahrungssystem aufgeladen. Zehn IPads mit Structure Mark2-3D-Scan-Ausstattung laden ebenfalls gerade auf – ausgestattet sind sie mit einer Software, die bei der digitalen Erfassung von Fuß und Unterschenkel hilft.

„Wir haben in den letzten Jahren umfassende Modernisierungen an der Meisterschule vorgenommen“, erzählt der Schulleiter. Früher habe die Meisterschule die meisten Neuanschaffungen aus Eigenmitteln und Mitteln des Trägervereins, des Fachverbands Orthopädie Südwest e.V., finanzieren müssen. Durch den Aufbau des KomZet O.S.T., das aus Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, des Landes Hessen und durch den BIFO gefördert wird, ist Limbach auf den Gedanken gekommen, weitere öffentliche Fördergelder zur Modernisierung überbetrieblicher Bildungsstätten zu beantragen. „Die ersten Anträge zu schreiben ist sehr aufwändig, aber diese Fördergelder stehen in den jeweiligen Haushalten bereit!“, sagt er. Die Ansprechpartner, Gutachter und Entscheider seien größtenteils dieselben wie beim Aufbau des KomZet.

Beim Rundgang durch die Schule wird deutlich, dass nicht nur in Digitales, sondern auch in Analoges investiert wurde. Augenfällig wird dies vor allem in der Werkstatt, wo zum Beispiel neue Tiefziehgeräte, Heiz- und Infrarot-Öfen, Schärfmaschinen, eine neue Kompressorenanlage sowie ein höhenverstellbares Maschinenaggregat angeschafft wurden. Für den Schaftbau wurden unter anderem 20 neue elektronische Säulen-Nähmaschinen erworben. Auch der Gipsraum wird gerade neu eingerichtet. Der Fußpflegebereich wurde u.a. mit elektrisch verstellbaren Behandlungsliegen, Fußpflegemotoren und Behandlerstühlen modernisiert.

Für das KomZet O.S.T. wurde eine Wohnung im Nebengebäude angemietet, direkt neben der Landes­innung Hessen für Orthopädieschuhtechnik. Gerwin Limbach sagt: „Auf diese Weise haben wir am B-O-S-S weiterhin eine komfortable Platzsituation und freuen uns, unsere Projekte für die Branche unter guten Voraussetzungen weiter vorantreiben zu können.“

Wer das KomZet O.S.T. Langen in seinen Aktivitäten unterstützen möchte, kann sich bei Gerwin Limbach melden. Vakant ist derzeit die Stelle des Projektmanagers, so dass sich auch für eine hauptberufliche Mitarbeit gerade gute Voraussetzungen bieten.

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