31. August 2010

Neue Diagnostik: Nervenschmerzen messen

Ständiges Brennen oder Kribbeln, Taubheit und einschießende Schmerzattacken sind häufige Symptome für Schmerzen, die durch Defekte an Nervenfasern entstehen. Ursache solcher so genannten neuropathischen Schmerzen sind zum Beispiel Verletzungen, Diabetes, Gürtelrose oder Schlaganfälle. Rund 500.000 Menschen in Deutschland sind betroffen; nur jedem Dritten kann bislang ausreichend geholfen werden. Damit die Behandlung kein Glücksspiel bleibt, haben Forscher im deutschlandweiten Verbund eine neue Art der Diagnostik entwickelt.

Die neue Diagnostik soll helfen, den Mechanismen des Schmerzes auf die Schliche zu kommen und lässt so auf passgenaue Therapien hoffen. Mediziner der Ruhr-Universität Bochum pflegen eine bundesweite Datenbank, die die Klassifizierung des Schmerzes erlaubt.

Warum Medikamente nicht wirken
„Einem Drittel der Patienten können wir mit Schmerzmitteln gut helfen“, sagt Prof. Dr. Christoph Maier, Leiter der Schmerzambulanz des RUB-Klinikums Bergmannsheil und beteiligt am Deutschen Forschungsverbund Neuropathischer Schmerz (DFNS). „Bei einem weiteren Drittel klappt es so halbwegs, bei einem Drittel überhaupt nicht.“ Warum das so ist, konnte bis vor kurzem niemand sagen. Im Verbund haben Spezialisten jetzt eine Methode entwickelt, um die Funktionsfähigkeit dicker und dünner Nervenfasern zu testen und so den Mechanismen auf die Spur zu kommen, die hinter neuropathischen Schmerzen stecken. Die Testbatterie der sog. Quantitativen Sensorischen Testung (QST) besteht aus 13 Einzeltests, die mittels einfacher Instrumente in der klinischen Praxis durchführbar sind. Bei ihnen geht es darum, sowohl die Wahrnehmungs- als auch Schmerzschwellen für Kälte, Wärme und verschiedene mechanische Reize zu messen.

Profil des Schmerzes offenbart seinen Mechanismus
Heraus kommt dabei ein Profil des Schmerzes: „Charakteristisch für Patienten mit neuropathischen Schmerzen sind QST-Profile, in denen es im Temperatur- oder Berührungsempfinden entweder Sensibilitätsverluste oder -steigerungen gibt, wobei es verschiedene Kombinationen geben kann“, erklärt Prof. Maier. Als Referenz für die Beurteilung der Ergebnisse dienen die Daten von 180 gesunden Versuchspersonen, gemessen in verschiedenen Körperarealen (Gesicht, Hände, Füße). Ihre Daten und die von inzwischen mehr als 4.000 Patienten werden in einer zentralen Datenbank verwaltet, die in der Bochumer Klinik gepflegt wird. Aus dem Profil lässt sich indirekt auf die Schädigung von Nervenbahnen schließen, die auch dann unterschiedlich sein kann, wenn die ursprüngliche Verletzung und die Symptomatik gleich sind.

Behandlung muss an Mechanismen angepasst sein
Patienten mit neuropathischen Schmerzen lassen sich dadurch Untergruppen zuordnen: Solche mit ausschließlichem Sensibilitätsgewinn für Temperatur- und mechanische Reize (Plus/Plus), mit gleichzeitigem Sensibilitätsgewinn und -verlust (Plus/Minus) und ausschließlichem Verlust (Minus/Minus). Im nächsten Schritt wird es darum gehen, aufgrund solcher Profile die passende Behandlung auszuwählen. „Einen Patienten mit Plus/Plus-Profil wird man überwiegend erregungsdämpfende Medikamente verabreichen, etwa Antiepileptika oder lokale Betäubungsmittel“, erklärt Maier. „Einem Patienten, der auch Sensibiltätsverluste zeigt, helfen vermutlich eher Opiate oder Antidepressiva.“ Um verlässliche Grundlagen für solche Therapieempfehlungen zu gewinnen, haben sich die deutschen Forscher mit Spezialisten in ganz Europa zusammengeschlossen – noch ist es allerdings nicht so weit, dass einfache Schlüsse möglich sind.