28. September 2011

Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2011: Viele OPs könnten vermieden werden

Ausgabendynamik, vernachlässigte Therapieoptionen und technikgetriebene Innovationen – die Bilanz des  Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreports 2011 fällt aus Sicht der Barmer GEK gemischt aus. Insbesondere bei Venenerkrankungen, Harninkontinenz und Arthrose würden Behandlungsalternativen im Heil- und Hilfsmittelbereich zu spät, sparsam oder gar nicht wahrgenommen.„Der gezielte Einsatz von Heil- und Hilfsmitteln könnte den Patienten unnötige oder verfrühte Krankenhausaufenthalte und überflüssige chirurgische Eingriffe im großen Stil ersparen", sagte der Vorstands-Vize der Barmer GEK Dr. Rolf-Ulrich Schlenker.  

So wäre die Behandlung mit Kompressionsstrümpfen bei Venenerkrankungen oft effektiver als das weit verbreitete „Venenstrippen", eine Krampfader-Operation. Bei Harninkontinenz wirkt konsequentes Beckenbodentraining prophylaktisch und kurativ. Und auch bei Arthrose wären physiotherapeutische Maßnahmen häufig vorteilhafter als verfrühte Hüft- oder Knie-Operationen.

Ausgewählte Ergebnisse des Heil- und Hilfsmittelreports 2011:

Kompressionsstrümpfe statt Krampfader-OP
Venenerkrankungen sind weit verbreitet. In einem Jahr werden 25 von 1.000 Versicherten erstmals wegen einer „Venenerkrankung“ behandelt. Hochgerechnet auf alle Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ergibt das mehr als 470.000 Neuerkrankungen. Besonders betroffen sind Frauen und ältere Personen. Die Therapie wird von Kompressions-behandlung, Arzneimitteln, manueller Lymphdrainage und chirurgischen Eingriffen bestimmt. Die Therapiekosten für neue Venenerkrankungen in der GKV liegen jährlich bei rund 62,3 Millionen Euro. Dabei wird bei zwei Prozent der Betroffenen ein chirurgischer Eingriff durchgeführt, der Ausgabenanteil dieser Gruppe liegt bei 28 Prozent. Glaeske: „Obwohl es kaum Belege über die Wirksamkeit von chirurgischen Eingriffen gibt, wird häufig operiert. Kompressionsstrümpfe würden besser helfen – vorausgesetzt, die Patienten tragen sie auch."

Physiotherapie gegen Arthrose
Die Kostendimension von Hüft- und Kniegelenk-Operationen hat im vergangenen Jahr der BARMER GEK Report Krankenhaus herausgestellt: rund drei Milliarden Euro für Erstimplantationen. Der BARMER GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2011 verdeutlicht den Versorgungsbedarf im Alter: Zwischen 50 und 55 Jahren wird bei rund acht Prozent der Versicherten Hüft- oder Knie-arthrose diagnostiziert, zwischen 60 und 65 bei rund 17 Prozent und ab 80 bei rund 25 Prozent. Glaeske unterstreicht die vorbeugende Wirkung der Physiotherapie: „Sie sollte bei Arthrose-Erkrankungen verstärkt eingesetzt werden."

Elektrotherapie – eine Präferenz des Ostens
Im Jahr 2010 erhielten knapp ein Prozent aller Barmer GEK Versicherten eine Verordnung für Elektrotherapie, die Ausgaben lagen bei 9,3 Millionen Euro. Die meisten Elektrostimulationsgeräte werden zur Schmerzlinderung bei Wirbelsäulenpatienten eingesetzt. Genau dieser Behandlungsart fehlt es aber an wissenschaftlicher Evidenz, weshalb sie in den internationalen Leitlinien nicht empfohlen wird. Glaeske: „Die Elektrotherapie eignet sich weniger zur passiven Therapie von Muskel-Skeletterkrankungen als vielmehr zur Muskel-stimulation bei neurologischen Erkrankungen.“ Auffällig sind die Unterschiede bei Geschlecht und Region. 68 Prozent der Elektrotherapiebehandlungen ge-hen aufs Konto weiblicher Versicherter. 57 Prozent der Gesamtausgaben ent-fallen auf die östlichen Bundesländer. Eine medizinische Rechtfertigung dieser Differenzen sieht Glaeske nicht: „Dieses Verordnungsverhalten ist womöglich ein Relikt aus der Vorwendezeit, als Arzneimittel knapp waren."