09. Mai 2022
Projektmanagerin Özlem Gümüs hat die orthopädieschuhtechnischen Lerninhalte mit Modulen von FH-Studiengängen abgeglichen. Derzeit prüft sie gemeinsam mit den Fachhochschulen, welche Inhalte auf ein Studium angerechnet werden könnten. Foto: C. Maurer Fachmedien

ANNETTE SWITALA

Seit dem Start des Kompetenzzentrums Orthopädieschuhtechnik am Standort Hannover hat sich bereits viel getan. Das dortige Team hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Durchlässigkeit zwischen der Ausbildung in der Orthopädieschuhtechnik und geeigneten Fachhochschulstudiengängen zu erhöhen. Auf diese Weise könnte es künftig möglich werden, Ausbildungsinhalte der OST, die über die Gesellenausbildung hinaus gehen, auf das Studium anrechnen zu lassen. Ein weiteres Projekt ist in Vorbereitung: Dienstleistungen und Lehrgänge im Bereich der Bewegungsanalyse für die Branche zu entwickeln.

Unser Beruf ist in einem starken Wandel begriffen, sagt Hans-Georg Ahrens, Leiter der Bundesfachschule für Orthopädieschuhtechnik in Hannover. „Unsere traditionellen, etablierten Lerninhalte und Fertigkeiten werden weiterhin gebraucht. Aber es kommen neue Technologien hinzu, der Markt und die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern sich. In unserem Beruf ist man immer wieder gefordert, sich auf neue Entwicklungen einzustellen und zu schauen, wie man etwas auch anders machen kann. Deshalb halte ich es für wichtig, Neues auszuprobieren und sich so gut zu informieren, dass man entscheiden kann, ob man es für den eigenen Betrieb sinnvoll einsetzen kann oder nicht.“

„Genau darin wollen die Kompetenzzentren die Betriebe unterstützen“, erklärt Dr. Annette Kerkhoff, Projektleiterin des KomZet O.S.T. an allen drei Standorten. „Etwa mit Lehrgängen und Lernplattformen, die in den nächsten Jahren entwickelt werden sollen, mit Beratung und Dienstleistungen oder Leitfäden, die den Betrieben bereitgestellt werden sollen.“ Aufgebaut werden aber auch Kooperationen, die der Branche nützlich sein können, und Strukturen, die den Beruf insgesamt weiterentwickeln, erläutert sie.

Jeder der drei Standorte des KomZet O.S.T. treibt dabei einen Schwerpunkt federführend voran (s. Abb. 3). Das heißt aber nicht, dass die Angebote nur an diesem Standort stattfinden werden. Vielmehr ist es so, dass die drei Kompetenzzentren eng miteinander kooperieren, einige Projekte gemeinsam durchführen und die eigenen Projekte den anderen Standorten zugänglich machen. „Letztlich soll ja die gesamte Orthopädieschuhtechnik von den Angeboten der Kompetenzzentren profitieren“, so Dr. Kerkhoff. Entwickelt beispielsweise der Standort Siebenlehn Lehrgänge zum 3D-Druck (wir berichteten in Ausgabe 12/2021), heißt das nicht, dass nur an diesem Standort 3D-Drucker angeschafft und Seminare durchgeführt werden – auch die anderen Meisterschulen werden auf Dauer aufgerüstet. Baut der Standort Langen zum Beispiel eine E-Learning-Plattform auf, wird ebenfalls analysiert, wie sie den anderen Standorten zur Verfügung gestellt und auch für andere Einsatzgebiete in der Branche genutzt werden kann.

„Die Zusammenarbeit der drei beteiligten Meisterschulen in Siebenlehn, Langen und Hannover ist sehr eng und gut“, betont Hans-Georg Ahrens. „Einige Projekte werden auch gemeinsam durchgeführt. Dieser Schulterschluss ist das Besondere am KomZet O.S.T.“

 

Das Team am KomZet O.S.T. Hannover (v. l.): Schulleiter Hans-Georg Ahrens, Projektmanagerin Özlem Gümüs, Projektassistent Tomas Düsen und Dr. Annette Kerkhoff, Projektleiterin des KomZet O.S.T. (nicht abgebildet: Jan Philipp Nollmann Projektassistent). Foto: C. Maurer Fachmedien

 

Hannover: Bewegungsanalyse im Fokus

Entsprechend seines Schwerpunkts „Moderne Befundung und praxisrelevante Analytik“ liegt der Schwerpunkt des KomZet O.S.T. Hannover auf der Bewegungsanalyse. Dazu soll 2023/2024 in der Berufsfachschule ein neues, erweitertes System zur Bewegungsanalyse eingerichtet werden. In diesem Jahr wird das Team die Angebote verschiedener Hersteller prüfen und sich für ein geeignetes System entscheiden. Des Weiteren soll ein Lehrgang für die Orthopädieschuhtechnik entwickelt werden. „Diese Schulung wird anbieterunabhängig sein“, erklärt Dr. Annette Kerkhoff. „Es wird darum gehen, welche Anforderungen die Bewegungsanalyse speziell in der Orthopädieschuhtechnik stellt und welche Fragen man sich stellen muss, wenn man sich ein System zur Bewegungsanalyse anschaffen möchte. Was möchte ich untersuchen? Auf welche Parameter muss ich dafür schauen? Und was sollte eine Technologie leisten, damit ich zu den gewünschten Erkenntnissen gelange?“ Kenntnisse wie diese soll der Lehrgang vermitteln. Ziel ist, die Teilnehmer in die Lage zu versetzen, selbst entscheiden zu können, welches System sich für ihre Zwecke und ihren Betrieb eignet.

„Es wird dabei nicht darum gehen, alle möglichen technischen Lösungen auf dem Markt nebeneinander zu stellen“, ergänzt Hans-Georg Ahrens, da gebe es genug Angebote von den Herstellern. „Aber wir wollen Kriterien dafür an die Hand geben, mit denen man die geeignete Messmethode auswählen kann. Wir wollen auch dafür sensibilisieren, welche Unterschiede es bei den Messsystemen gibt und welche Auswirkungen das hat. Etwa bei den Sensoren: Da macht es zum Beispiel einen wichtigen Unterschied, wie hoch die Auflösung ist und wie schnell sie messen. Je nachdem eignen sie sich vielleicht für den Einsatz bei Diabetespatienten, nicht aber im Sportbereich, und umgekehrt. Oder wir klären darüber auf, mit welcher Technik das Messsystem misst, damit man nicht irgendwelchen Messfehlern aufsitzt. Auch betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte werden eine Rolle spielen. Denn wer überlegt, sich ein System zur Bewegungsanalyse anzuschaffen, sollte erst einmal ermitteln, welchen Bedarf es in seinem Gebiet überhaupt gibt und welches die Zielgruppe sein wird.“

Das Team des KomZet O.S.T. Hannover wird auch einen schriftlichen Handlungsleitfaden zur Bewegungsanalyse für die Betriebe entwickeln. Die ersten Seminare werden voraussichtlich im Jahr 2024 stattfinden, Testläufe wahrscheinlich schon 2023.

„Durch ihre Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern und ihren Überblick über die vielfältigen Fragestellungen sind die Meisterschulen geeignete und verlässliche Partner für eine solche Schulung“, ist Ahrens überzeugt. Die Kompetenzzentren könnten auf Dauer nicht nur Anbieter von Schulungen sein, sondern auch als Berater und Dienstleister den Betrieben zur Seite stehen, ist seine Zukunftsvorstellung. „Ziel ist, dass sich die Betriebe mit ihren Fragen an die Kompetenzzentren wenden können oder dass das KomZet zum Beispiel bei der Einrichtung der Bewegungsanalyse im Betrieb oder bei anderen betriebswirtschaftlichen, technischen oder handwerklichen Fragen berät.“

Berufswege erweitern

Vor der Entwicklung der Lehrgänge sollen noch einige andere Projekte am KomZet O.S.T. Hannover abgeschlossen werden. Derzeit befasst sich das KomZet damit, die Lehrgänge der Orthopädieschuhtechnik-Meisterschulen mit den Modulen weiterführender Fachhochschul-Studiengänge zu vergleichen. Ziel ist zu ermitteln, welche Kompetenzen und Kenntnisse in den Lehrgängen vermittelt werden, die auf ein späteres FH-Studium angerechnet werden könnten. „Wir haben dazu Gespräche mit der FH Münster und der Hochschule Kaiserslautern aufgenommen“, erläutert Özlem Gümus, Projektmanagerin des KomZet Hannover.

Die FH-Studiengänge sind modular aufgebaut und arbeiten mit sogenannten Creditpoints, welche die Studierenden für erfolgreich absolvierte Module erhalten. Deshalb sollen auf Dauer auch die Lehrgangsinhalte der Meisterschulen mit Creditpoints bepunktet werden.

Özlem Gümüs hat mit Hilfe der Modulhandbücher der Fachhochschulen die Studiengangsinhalte mit den entsprechenden Creditpoints analysiert und tabellarisch aufbereitet. Dabei hat sie aufgeschlüsselt, welche Kompetenzen in den Modulen erlernt werden und diese in die Kategorien Wissen, Fertigkeiten, Sozialkompetenzen und Selbstständigkeit aufgegliedert.

Orthopädieschuhtechnische Lehrgangsinhalte mit möglichen Entsprechungen, die sie vorher bei den drei Meisterschulen abgefragt hat, hat sie ebenfalls detailliert in Tabellen dargestellt. Auf diese Weise wird transparent, wo Überschneidungen zu Fachhochschulmodulen liegen könnten. Auch kann mit Hilfe dieser Tabellen ausgearbeitet werden, wie viele Creditpoints manche orthopädieschuhtechnischen Lerninhalte künftig erhalten könnten.

Özlem Gümüs hat schließlich eine Kompetenzmatrix erstellt, mit verschiedenen Templates, zum Beispiel zur Einlagenfertigung oder orthopädischen Maßschuhversorgung. Daraus können die Fachhochschulen ersehen, welche Lerninhalte an den Meisterschulen zu diesen Themen vermittelt werden und wie sie gewichtet werden können. Diese Matrix soll nun den Fachhochschulen präsentiert werden. „Grundsätzlich sind die beiden Fachhochschulen sehr aufgeschlossen dafür, die Durchlässigkeit zwischen den Meisterschulen und den Fachhochschulen zu erhöhen“, berichtet Özlem Gümüs. Es zeichne sich ab, dass es mehr Überschneidungen mit dem Studiengang Orthopädieschuhtechnik in Kaiserslautern geben wird. Hier könnte es auf Dauer dazu kommen, dass die Studienzeit für Meister oder Absolventen bestimmter Lehrgänge verkürzt werden könnte. An der FH Münster werde sich eher der Arbeitsaufwand innerhalb eines Semesters verringern, so dass im Studium mehr Zeit z.B. fürs Lernen oder zum Arbeiten bleibt.

 

Die geförderten Projekte des KomZet O.S.T.. Die Ergebnisse sollen allen Standorten und der Branche zugutekommen.  Grafik: KomZet O.S.T.

 

Neue Lehrgänge mit Creditpoints schaffen

„Wichtig ist für uns auch zu sehen, wo es noch zu geringe Überschneidungen der Lerninhalte gibt oder in welchen Modulen nur wenig fehlt, damit wir eine Anerkennung unserer Lerninhalte erreichen können“, erklärt Hans-Georg Ahrens. „Dann können wir entsprechende Inhalte in die Ausbildung mit aufnehmen oder neue Lehrgänge entwickeln.“ Dieser Aufgabe widmet sich ein Folgeprojekt im KomZet O.S.T. Hannover, das im Sommer 2022 startet. Insgesamt ist das Ziel, ein mit Creditpoints ausgestattetes Lehrgangsangebot zu entwickeln, das auf verschiedene Studiengänge anrechenbar wird.

„Wir möchten dazu beitragen, die Vielfalt der Berufswege in der Orthopädieschuhtechnik zu erhöhen, und damit die Attraktivität des Berufes für den Nachwuchs verstärken“, sagt Dr. Annette Kerkhoff. „Das Ende der Fahnenstange muss nicht der Meister sein. Mit einem Fachhochschulstudium kann sehr gut darauf aufgebaut werden. Auch umgekehrt wollen wir Studierenden die Möglichkeit geben, Kurse an den Kompetenzzentren zu belegen, für die sie Creditpoints bekommen.“ Allerdings, so schränkt Hans-Georg Ahrens ein, seien Studierende, die an staatlichen Hochschulen sind, nicht gewohnt, eine Kursgebühr zu bezahlen. Bei privaten Hochschulen gehe das besser, hier hatte die Meisterschule Hannover bereits Studierende der PFH Göttingen aus dem Studiengang Orthobionik in Lehrgängen zu Gast.

Lebenslanges Lernen

Insgesamt soll durch neue, bepunktete Lehrgänge ein Angebot für alle Interessierten geschaffen werden, seien es Gesellen, Meister, Sportwissenschaftler oder Studierende. „Denkbar ist ja, dass jemand zum Beispiel seine Kenntnisse im Leistenbau oder im Schaftbau vertiefen möchte oder überlegt, in die Bewegungsanalyse oder den 3D-Druck einzusteigen. Oder jemand möchte etwas zur Palpation und klinischen Tests lernen, ohne unbedingt ein Studium oder einen Meistertitel anzustreben. Auf Dauer soll es möglich werden, an den Kompetenzzentren und Meisterschulen auch umfangreichere Seminare zu besuchen und dafür Creditpoints zu erhalten“, macht Hans-Georg Ahrens deutlich.

Aus seiner Sicht ist es dabei einerseits wichtig, dass handwerkliches, traditionelles Wissen im Zuge der technologischen Veränderungen nicht verloren geht. Andererseits aber auch, dass die Betriebe sich gut vorbereitet neuen Entwicklungen stellen können. Dr. Annette Kerkhoff resümiert: „Es geht um lebenslanges Lernen. Wir möchten das Bewusstsein schaffen, dass die Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher nicht nach dreieinhalb Jahren zu Ende ist, sondern dass man sich kontinuierlich weiterbilden kann und muss, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Das wollen wir mit dem KomZet O.S.T. unterstützen und vorantreiben.“

 

 

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