Anzeige

Die Einlagen- und Leistenherstellung mit CAD hat sich im Handwerk etabliert. Die anfängliche Skepsis, ob denn die Qua­lität auch gut genug sei, wurde von der Frage abge­löst, ob der Einsatz für den eigenen Betrieb sinnvoll ist. Passt das ins Betriebs­konzept? Und falls ja, soll man sich eine eigene Fräse kaufen oder lieber extern fräsen lassen?

Computerunterstützt oder handgefertigt? In den Anfangsjahren der CAD/CAM-Fertigung in der Ortho­pädieschuhtechnik war das für manchen noch eine Glaubensfrage. Mittlerweile sind CAD-Systeme und gefräste Einlagen und Leisten in der Branche allgemein anerkannt. Die Frage lautet nicht mehr, „Ist die Qualität auch gut genug?“, sondern „Ist das für meinen Betrieb sinnvoll?“.

Eine individuelle, einfache und schnelle Einlagenkonstruktion, das ist seit fast 20 Jahren das Versprechen der CAD/CAM-Systeme in der Orthopädie­schuhtechnik. Die Hersteller solcher Systeme und die Anbieter, die einem in Fräscentren die Produktion abnehmen, werben mit vielen Vorteilen, von der Reproduzierbarkeit einer einmal gefundenen optimalen Form bis zur Einsparung von Fachkräften in der Produktion. Auch die Zeit- und Kostenersparnis durch die Rationalisierung der Fertigungsabläufe leuchten schnell ein. Die Weiterentwicklung der CAD-Software hin zu einer einfacheren Bedienung und die Möglichkeit, durch externes Fräsen die Investitionskosten gering zu halten, sollen die Fertigung auch für jene ­attraktiv machen, die sich bislang nicht an die computerunterstützte Konstruktion gewagt haben oder sich vor der Investition scheuten.

Doch wie bei allen größeren Inves­titionen und Produktionsumstellungen will auch der Einsatz von CAD/CAM-Technik gut geplant sein. Doch woran soll man sich eigentlich orientieren, wenn man ein CAD/CAM-System zur Einlagenfertigung für seinen Betrieb anschaffen will? An der Leistungsfähigkeit der Fräse? An der Leistungsfähigkeit der Software? An den Möglichkeiten der Fußdatenerfassung? Oder nur am Preis? Wann lohnt sich der Kauf einer eigenen Anlage? Und wann ist es sinnvoller, an ein Fräscenter abzugeben? ­Welche Kostenpunkte müssen bei der Kalkulation beachtet werden?

Was heißt CAD/CAM?

CAD (engl. „computer-aided-design“) beschreibt das rechnerunterstützte Konstruieren oder auch das Simulieren von Eigenschaft und Verhalten von Produkten, wobei unterschieden wird zwischen 2D-CAD-Systemen und 3D-CAD-Systemen. Die fertigen Zeichnungen können dann auf ein Blatt Papier übertragen und dem Arbeiter an der Maschine weitergereicht werden oder direkt in eine Maschine mit einem CAM-Programm (engl. computer-aided-manufacturing) eingespielt werden.
Maschinen, die mit CAM-Programmen arbeiten, sind zum Beispiel Fräsmaschinen, deren Arbeitsvorgänge nun nicht mehr von Hand ausgeführt werden müssen, sondern nach einem Computerprogramm ablaufen.

Alle Punkte sind wichtig und müssen genau bedacht werden – da sind sich auch die Anbieter einig. Denn entscheidend ist letztlich, wie gut das jeweilige System in den Betrieb integriert werden kann und ob es zu denjenigen passt, die damit arbeiten. Die Vorteile der Technik sind schnell verflogen, wenn die zu fertigenden Stückzahlen überschätzt und die Kosten für die Einarbeitung und den laufenden Betrieb unterschätzt werden. Dann steht womöglich die Fräse in der Werkstatt und kostet mehr Geld als sie ­erwirtschaftet.

Vorteile von CAD/CAM

  • Herstellung individueller Produkte auf schnellem und einfachem Weg,
  • hohe Zeitersparung im Arbeitsablauf
  • genaue Reproduzierbarkeit,
  • schnelle Herstellung,
  • schnelle Nachlieferung und Vervielfältigung,
  • Begeisterung der Kunden durch die Kombination von Handwerk und Technik.

…von CAD

  • Einlesen der Messdaten aus der Druckmessung oder dem Fußscan,
  • genommene Maße sind immer gleich, trifft bei zwei messenden Personen (Maßband) nicht zu,
  • Projektion des Fußscans oder der Druckmessung direkt auf die Einlage,
  • Feinbearbeitung der Einlage durch den Anwender,
  • Virtuelle Bibliothek/Patientendatenbank,
  • Einfache Vergleichbarkeit mit vorhergehenden Produkten,
  • Netzwerkfähigkeit ermöglicht die Konstruktion an vielen Orten,
  • Abspeichern und Versenden zum Fräsen einer maßgenauen Einlage.

…von CAM

  • Materialeigenschaften der Rohlinge werden erhalten (nicht durch Wärmebehandlung/Thermoplastische Verformung oder Anpressdruck verändert),
  • geringer Personalaufwand (kein Fachpersonal für die Herstellung notwendig),
  • Attraktivität für Mitarbeiter steigt in einem gut automatisierten Unternehmen.

Das kleine Einmaleins

CAD und CAM müssen nicht notwendigerweise unter einem Dach sein. CAD/CAM-Systeme mit Fräscentren bieten gerade für kleinere Betriebe die Möglichkeit, individuelle Qualitätsarbeit mit einem angemessenen Zeit- und Kostenaufwand zu realisieren. Die Investitionskosten sind sehr viel geringer, weil man nur die Messtechnik und die Software – inklusive Einarbeitungszeit – kalkulieren muss. Die ­Daten für die Einlage werden an das Fräscenter geschickt, wo die Einlage produziert und anschließend an den Betrieb verschickt wird.

Wann lohnt es sich, für die Herstellung eine eigene Fräse zu kaufen, wann ist es sinnvoller, einen Fräs­service in Anspruch zu nehmen? Bei dieser Frage bekommt man von den meisten Systemanbietern keine eindeutige Auskunft. Klar ist: Bei ausreichend großer Stückzahl lohnt sich eine (Einlagen-)Fräse. Die Grenze hierfür wird aber von den Herstellern nicht benannt – und kann auch nicht festgeschrieben werden. Denn auch hier muss auf den individuellen Betrieb eingegangen werden.

In der Größenordnung von zirka 1000 Paar Einlagen im Jahr könne man über eine Anschaffung nachdenken, so die Einschätzung von Johannes Trautmann. Zusammen mit seinem Bruder Matthias hat er lange Zeit ein CAD/CAM-System im Betrieb eingesetzt und ist jetzt mit „Feet­inform“ selbst unter die Anbieter eines Frässervices gegangen.

Auch die Personaldichte und die Finanzkraft des Betriebs sollten seiner Ansicht nach bei einer solchen Überlegung bedacht werden. Beim Fräscenter habe man keinen Lagerbedarf der Rohlinge und damit kalkulierbare Kosten, führt er als Pluspunkt an. In Sachen Lieferschnelligkeit gehe der Punkt an die eigene Maschine: Habe ich die Fräse im Haus, kann die Versorgung am gleichen Tag erfolgen.

Kostenpunkte berücksichtigen

Bei einer Investition in CAD/CAM müssen viele Kostenpunkte berücksichtigt werden. Es gilt hier, nicht nur die einmaligen Kosten für die Anschaffung der Geräte als Kalkulationsgrundlage zu nehmen. Hinzu kommen auf Anbieterseite die Kosten für Lizenzgebühren und den Wartungsvertrag. Im Betrieb selbst sind zusätzlich die Material- und gegebenenfalls Lagerhaltungskosten sowie die Lohnkosten und die Einarbeitungszeit fällig.

Die Lizenzgebühren, der Wartungsvertrag und die Anschaffung sind Fixkosten, die man weiß und mit denen man kalkulieren kann – zumindest wenn man in eine Software mit jährlichen Update-Lizenzen investiert. Und das empfehlen die Hersteller. Nur so könne man – macht der Anbieter Jos America deutlich – sicher sein, dass die Software auch weiterentwickelt wird, denn der Anbieter gehe damit eine vertragliche Verpflichtung gegen­über dem Kunden ein. Weiterentwicklung und Kontinuität seien hier wichtig. Windows entwickele sich rasch und der Anbieter, bei dem man seine CAD-Software kaufe, solle da mithalten können.

Die Kosten für die Rohlinge sind vom Anbieter aber auch von Entwicklung der Rohmaterialien wie Öl für das EVA abhängig. Die Einarbeitungszeit hängt vom Betrieb, den Mitarbeitern und der Anwenderfreundlichkeit des Systems ab. Diesen Kosten kann man sich zwar über Rechenmodelle und Stundensätze nähern, doch bleiben immer gewisse Unsicherheiten.

Auf die Materialkosten hat man kaum Einfluss, und das wäre auch der falsche Ansatz für Sparsamkeit, da sind sich die befragten Anbieter einig. Entscheidend sei beim Material die Qualität. Hier muss man sich überlegen, ob man sich an einen Anbieter binden will, oder frei bleiben möch­te bei der Entscheidung, woher man sein Material bezieht. Zur Vorsicht rät Caspar America bei günstigen Zusatzleistungen oder Ermäßigungen, wie sie manche Hersteller anböten: etwa bei dem Angebot, Material einzukaufen und im Gegenzug kostenlosen „Support“ zu erhalten.

Auf den Punkt „Einarbeitungszeit“ kann man Einfluss nehmen, indem man auf die Benutzerfreundlichkeit des Sys­tems achtet. Nach einem Monat „Spiel- oder Versuchszeit“, wie es ­Johannes Trautmann nennt, sollte die Abwicklung rund laufen.

Anzeige


Beratung und Schulung

Um die Umstellung auf CAD/CAM zu meistern bieten die Anbieter der Sys­teme einiges an Unterstützung an. Im Vorfeld ist eine gute Beratung entscheidend; wird das Programm eingesetzt, müssen die Nutzer auch lernen, damit richtig umzugehen. Hierbei kommt es nicht nur darauf an, dass der Betriebsinhaber von der Technik überzeugt ist. Wenn das CAD im Betrieb ein Erfolg werden soll, muss er das gesamte Team davon überzeugen. Das gelingt am besten, wenn man die Mitarbeiter frühzeitig mit ins Boot holt, denn sie müssen die neue Technik nicht nur akzeptieren, sondern auch sinnvoll in den Betriebsablauf integrieren.

Da dieser Punkt nicht unterschätzt werden darf, haben einige Anbieter dazu Präsentationen erarbeitet, die den Betriebsinhaber dabei unterstützen sollen, die Vorteile der neuen Produktion auch gegenüber den Mitarbeitern zu vermitteln. Auch kostenloses Training müsse es bereits vor Beginn der Inbetriebnahme geben, meint Jos America. Darum biete man Kunden die Möglichkeit, eine Woche im „OrthoPodoLab“ zu arbeiten. Wenn später in der täglichen Arbeit Probleme oder Fragen auftauchen, sei es wichtig, auch dann vom Hersteller der Geräte Unterstützung zu bekommen. Mit seinem „Helpdesk“ will man bei Jos America eine direkte Unterstützung garantieren.

Den Dialog suchen

Beratung braucht Zeit, sagen alle Anbieter. Einen Leitfaden oder eine Checkliste, mit deren Hilfe die Investition geplant wird, gibt es allerdings nicht. Dazu seien die Voraussetzungen und die Bedürfnisse von Betrieb zu Betriebe zu unterschiedlich, erklärt André Wiest  von der Firma Wiest, die sowohl Leisten- als auch Einlagenfräsen anbietet.

„Wir laden Kollegen und Interessenten in unseren Betrieb ein und zeigen ihnen den Ablauf unserer Feetinform-Methodik der Einlagenherstellung“, erklärt Johannes Trautmann das Vorgehen bei Feetinform. Jos America besucht die interessierte Firma und macht zusammen mit dem Inhaber und den Mitarbeitern eine gründliche Analyse, denn eine tragfähige Basis innerhalb des Unternehmens sei das Wichtigste.

Ratschläge

Johannes Trautmann macht Mut, sich den Produktionsablauf mit CAD/CAM einmal anzuschauen. Durch die Möglichkeiten eines Fräscenters halte sich der finanzielle Aufwand so gering, dass man es mal ausprobieren könne. Auf Transparenz zu achten ist die Empfehlung von Jos America. „Und kaufen Sie niemals alleine wegen des Preises, sondern entscheiden Sie sich für das, was für Ihr Unternehmen das Beste ist. Analysieren Sie die Stärke und Professionalität des Unternehmens hinter dem System. Fragen Sie nach Referenzen und rufen diese auch an.“

Zusammengefasst kann man sagen, dass Interessenten in der Beratung ­alle organisatorischen Fragen, die ihnen wichtig erscheinen, und alle inhaltlichen Fragen zum Programm, die sie brauchen, um die Handhabung beurteilen zu können, abfragen sollten. Hier einige Beispielfragen:

  • Wie gut sind die Mitarbeiter beim Helpdesk erreichbar?
  • Wie lange dauert es, bis ein Monteur oder ein Ersatzgerät vor Ort ist?
  • Kann man mit den Programmierern selbst sprechen?
  • Wie geht man beim Modellieren einer Fersenschale, einer Metatarsalpelotte, einer medialen Abstützung oder eines Zehengreifers vor?
  • Wie lege ich mit dem System einen Fersensporn tiefer oder eine Plantarfaszie frei?
  • Wie kann ich Messdaten aus anderen Systemen – zum Beispiel der Druckverteilungsmessung – integrieren?
  • Wie gut lässt sich die gestaltete Einlage am Bildschirm beurteilen?
  • Welche Materialien können genutzt werden?
  • Kann ich mir ein solches System irgendwo in Aktion anschauen?

Mit Fragen wie diesen und einem ausführlichen Dialog mit den Herstellern lässt sich die individuell beste Lösung für den Betrieb finden.