Ob klassische Berufsausbildung im dualen System, der Erwerb des Meistertitels oder ein Studium an der Hochschule – die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Orthopädieschuhtechnik sind vielfältig. Und die Karrierewege haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Ein Überblick.

Berufsausbildung

Der Einstieg in die Orthopädieschuhtechnik erfolgt für die allermeisten über den klassischen Weg im dualen System mit einer Ausbildung in einem Lehrbetrieb und der Ausbildung in der Berufsschule. Orthopädieschuhmacher/in ist ein anerkannter Ausbildungsberuf nach der Handwerksordnung (HwO). Dreieinhalb Jahre dauert die Vorbereitung auf die Gesellenprüfung im Orthopädieschuhmacherhandwerk. Heute ist es auch möglich, die Berufsausbildung und ein Studium mit dem Abschluss „Bachelor of Engineering Technische Orthopädie“ zu kombinieren.

Die Fachhochschule Münster bietet dazu einen Dualen Studiengang an. Voraussetzung dafür ist die Fachhochschulreife und ein Rahmenvertrag mit einem Ausbildungsbetrieb, in dem die praktische Ausbildung stattfindet. Das Berufsbild wurde mit Wirkung zum 1. August 2015 aktualisiert und den heutigen Anforderungen angepasst.

Meister

Bezüglich der handwerklichen Fähigkeiten und der Umsetzung von Versorgungskonzepten in die individuelle Patientenversorgung hat der Meistertitel in der Orthopädieschuhtechnik heute immer noch eine Alleinstellung. Orthopädieschuhmachermeister/ innen übernehmen Fach- und Führungsaufgaben bei der Entwicklung, Herstellung und Anpassung von Hilfsmitteln für kranke und fehlgebildete Füße. So stehen bei der Vorbereitung auf die Meisterprüfung auch jene Aufgaben und Fähigkeiten im Vordergrund, die sich mit dem planen, konstruieren, anfertigen und anpassen von Hilfsmitteln für Fuß und Unterschenkel befassen. Dabei muss immer der anatomische, physiologische und pathologische Zustand der Stütz-und Bewegungsorgane für die orthopädieschuhtechnische Versorgung bewertet werden. Ein künftiger Meister/eine Meisterin muss nicht nur das Hilfsmittel herstellen, sondern auch begründen können, wie er oder sie unter Berücksichtigung des Krankheitsbildes und der Biomechanik zu seiner Lösung gekommen ist. Die Meisterausbildung ist eine berufliche Weiterbildung nach der Handwerksordnung (HwO). Die Meisterprüfung in diesem zulassungspflichtigen Handwerk ist bundesweit einheitlich geregelt. Die Handwerksorganisationen und andere Bildungseinrichtungen bieten Vorbereitungskurse auf die Meisterprüfung an (Vollzeit ca. 9 Monate, Teilzeit ca. 3 Jahre). Für die Zulassung zur Meisterprüfung ist die Teilnahme an den Vorbereitungslehrgängen jedoch nicht verpflichtend. Neben fachtheoretischen und –praktischen Kenntnissen werden in den Vorbereitungslehrgängen betriebswirtschaftliche, kaufmännische und rechtliche Inhalte sowie berufs- und arbeitspädagogische Grundlagen vermittelt, welche die Meister/innen später zur Führung eines eigenen Betriebes und zur Ausbildung von Lehrlingen befähigen sollen. Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung im Orthopädieschuhmacher-Handwerk ist

• eine Gesellenprüfung als Orthopädieschuhmacher/in oder in einem verwandten Handwerk

oder

• eine Abschlussprüfung in einem entsprechenden anerkannten industriellen Ausbildungsberuf

oder

• eine Meisterprüfung in einem anderen Handwerk bzw. handwerksähnlichen Gewerbe

oder

• eine Gesellen- bzw. Abschlussprüfung in einem anderen anerkannten Ausbildungsberuf und eine mehrjährige Berufstätigkeit im Orthopädieschuhmacher-Handwerk.

 

Meisterschulen

Folgende Meisterschulen für die Orthopädieschuhtechnik gibt es in Deutschland: B.O.S.S., Langen; Bundesfachschule für Orthopädieschuhtechnik, Hannover; Handwerkskammer Niederbayern- Oberpfalz, Bildungszentrum Landshut; Meisterschule Orthopädieschuhtechnik Siebenlehn. Diese Schulen bieten Vollzeitkurse an. Die Handwerkskammer Düsseldorf bietet einen berufsbegleitenden Meisterkurs an. In Österreich erfolgt die Meisterausbildung am Aus- und Weiterbildungszentrum für Schuhmacher und Orthopädieschuhmacher in St. Pölten. In der Schweiz befindet sich das Ausbildungszentrum, wo auch die Meisterkurse stattfinden, in Zofingen.

Wurden früher noch einige Gesellenjahre nach der Ausbildung gefordert, um auf die Meisterschule gehen zu dürfen, kann man heute auch direkt nach der Gesellenprüfung einen Meisterkurs besuchen. Von erfahrenen Meistern und teilweise auch von den Meisterschulen wird allerdings empfohlen, nach der Ausbildung einige Erfahrung im Beruf zu sammeln, um die in der Ausbildung gelernten Handwerkstechniken und Fertigkeiten zu verbessern und zu verfeinern. Auf diesen Fertigkeiten baut der Meisterkurs auf. Die Zeit des Meisterkurses ist relativ kurz und der Lehrplan ist dicht gedrängt, so dass keine oder nur wenig Zeit bleibt, eventuell fehlende handwerkliche Grundlagen im Meisterkurs nachzuholen.

Die Nachfrage nach Orthopädieschuhmachermeistern ist in der Branche nach wie vor hoch, die Berufschancen mit Meisterbrief sind gut. Jungmeister/-innen, die neben dem Meisterbrief auch Berufspraxis vorweisen können, haben dabei bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die meisten Betriebe suchen Meister/innen, die gleich von Anfang an mit anpacken und eigenverantwortlich arbeiten können.

Handwerk und Studium

Nachdem sich die Handwerksverbände jahrelang dafür eingesetzt haben, ist der Meisterbrief heute auch der Schlüssel zur Hochschule. Möglich ist das erst seit 2009. Damals beschloss die Kultusministerkonferenz, den Meister mit der allgemeinen Hochschulreife gleichzustellen. Wer einen Meisterbrief in der Tasche hat, kann sich an vielen deutschen Hochschulen für jedes angebotene Studienfach bewerben oder – was wohl der häufigere Weg ist – seinen erlernten Beruf um ein passendes Hochschulstudium erweitern. Auch ohne Meisterprüfung, allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife ist es teilweise nach Ablegen einer Eignungsprüfung möglich, bestimmte Fächer zu studieren, wenn man die entsprechende berufliche Qualifikation und mehrjährige Berufspraxis vorweisen kann. Innerhalb des achtstufigen Deutschen Qualifikationsrahmens ist der Meisterbrief zudem auf Niveau sechs eingestuft worden, genauso hoch, wie ein Bachelorabschluss. Dies dokumentiert die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung, bedeutet allerdings nicht, dass Meister damit eine Zugangsberechtigung für einen Masterstudiengang haben. Die Einstufung bezieht sich nur auf die Vergleichbarkeit innerhalb des Qualifikationsrahmens.

Studiengänge

Seit einigen Jahren gibt es verschiedene Studiengänge, die sich mit der Technischen Orthopädie befassen. In diesen eher technisch ausgerichteten Studiengängen werden natur- und ingenieurwissenschaftliche Grundlagen mit fachspezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten in den Bereichen der Medizin, Biomechanik und Technischer Orthopädie verbunden. Die Fachhochschule Münster bietet zwei Studiengänge zur Technischen Orthopädie an. Der Vollzeitstudiengang setzt eine abgeschlossene Berufsausbildung voraus. Mit dem Dualen Studiengang kann man die Berufsausbildung zum Orthopädieschuhmacher und den Erwerb des Bachelor-Hochschulabschlusses kombinieren. Die Private Fachhochschule in Göttingen bietet im Bereich Orthobionik/Healthcare Technology drei neu entwickelte Studiengänge an, die auf Karrieren in der Orthopädietechnikbranche vor - bereiten sollen. Der Studiengang Orthobionik (Bachelor of Science) ist ein interdisziplinärer Studiengang mit Inhalten aus Medizin, Orthopädietechnik und Biomechanik, der Absolventen für den eigenverantwortlichen Umgang mit anspruchsvoller und komplexer Technologie direkt am Menschen qualifizieren soll. Darüber hinaus gibt es zwei Masterstudiengänge: Medizinische Orthobionik und Sports-/Reha-Engineering. Die Technische Hochschule Mittelhessen bietet mit dem Studiengang „Biomechanik-Motorik- Bewegungsanalyse (Master of Science)“ einen Master-Studiengang an, der den Studierenden die erforderlichen methodischen Kompetenzen vermitteln soll, um alle Fragen der Messung und Analyse menschlicher Bewegung bearbeiten und sich in weitergehenden biomechanischen Fragestellungen vertiefen zu können. Zulassungsvoraussetzung ist hier ein abgeschlossenes Hochschulstudium eines gesundheitsbezogenen Bachelor- oder Diplomstudiengangs.

Wo arbeitet man nach der Hochschule?

Die Fachhochschule Münster hat die ersten Absolventenjahrgänge des Vollzeitstudiengangs dazu befragt. Während die Meisterausbildung konkret auf die Versorgung der Patienten und die Führung eines Betriebes ausgelegt ist, bereitet ein Studium laut dieser Befragung eher auf Tätigkeiten in der orthopädietechnischen Industrie oder an den Schnittstellen zwischen Herstellern und Anwendern vor. Nahezu alle Absolventen, so die Hochschule, hätten zum großen Teil unmittelbar nach, teilweise sogar noch vor Abschluss des Studiums eine Anstellung gefunden. Die meisten Absolventen gingen zu einem Hersteller oder Zulieferer aus der Branche, wo sie in der Forschung & Entwicklung oder im Produkt-/Projektmanagement arbeiten. Ein Teil der Absolventen arbeitet in den Bereichen Vertrieb, Support und Service. Einige blieben auch der Wissenschaft treu als wissenschaftliche Mitarbeiter an einer Hochschule oder im Rahmen einer Promotion. Einige arbeiten freiberuflich. Nur wenige Absolventen machten sich nach dem Studium in der Orthopädieschuhtechnik oder der Orthopädietechnik selbstständig.

Alle Optionen offen

Betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahre, so haben sich die Karrierewege in der Orthopädieschuhtechnik wesentlich erweitert. Die Möglichkeit, das Fach auch studieren zu können, macht es nicht nur interessanter und attraktiver, sondern schafft auch die Verbindung zwischen Handwerk und Wissenschaft und öffnet auch dem Handwerk in der Untersuchung und dem Nachweis der Wirksamkeit seiner Methoden neue Perspektiven. Die Anerkennung handwerklicher Abschlüsse für den Hochschulzugang hebt zudem die Grenzen zwischen den Ausbildungen auf. Die Regel, wer Abitur oder Fachhochschulreife hat, darf an die Hochschule, die anderen bleiben in der Werkstatt, gilt nicht mehr. Selbst wer heute nach Haupt- oder Realschule mit der Berufsausbildung beginnt, kann über den Meistertitel den Weg an die Hochschule finden. Auch mit einer klassischen Lehre hält man sich alle Optionen offen.

Sie interessieren sich für den Beruf Orthopädieschuhmacher/in? Weitere Informationen zu Berufsbild und Ausbildungsweg erhalten Sie beim Zentralverband Orthopädieschuhtechnik (ZVOS), www.zvos.de, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Tel. 0 5 11 / 54 39 80 – 80.

Fotos: ZVOS