Foto: Christian Volk

Anzeige

ANNETTE SWITALA
Krankheit, Alter, Schmerzen ... daran denken Menschen oft als Erstes, wenn sie das Wort „Orthopädie“ hören. In der Selbstdarstellung von Orthopädieschuhtechnik-Betrieben wird oft der Gesundheitsaspekt und die Mobilisierung herausgestellt. Das muss nicht sein, sagt OSM Anastasia Anastasiadou. Die offene Werkstatt, die sie im November 2019 im hessischen Steinau an der Straße eröffnet hat, setzt andere Schlaglichter auf den Beruf: Sie betont Kreativität, Handwerk, Lifestyle und Lebenslust.

Lebt Eure Persönlichkeit, habt Mut, Eure eigenen Ideen  umzusetzen“, macht Anastasia Anastasiadou Gründungswilligen Mut. Ihre Werkstatt stattete sie mit aufgearbeiteten Maschinen von Rohrberg aus, die sie schwarz lackieren ließ. Foto: Christian VolkSchon von außen wirkt er ungewöhnlich, der „Store“ für Orthopädieschuhtechnik, mit dem sich Anastasia Anastasiadou im November letzten Jahres ihren Traum von der Selbstständigkeit erfüllt hat. Für meinen Besuch von der gegenüberliegenden Straßenseite kommend, erlebe ich, wie gleich mehrere ungewöhnliche Eindrücke meine Aufmerksamkeit wecken. Schriftzüge an den Fenstern, die zu Wortwolken angeordnet sind, lassen Begriffe wie „Lifestyle, Wohlfühlen, Komfort, stylisch, kreativ, Schuhe nach Maß, handgefertigt, Design und Balance“ in meinen Gedanken kreisen. Plakate im äußeren Eingangsbereich zeigen über-lebensgroße, charakterstarke Models mit teils fantasyhaft wirkendem, teils rockerartigem Outfit, die durch starke Gesten und intensive Blicke einen mysteriösen, fast magischen Bann ausstrahlen und schwarz angemalte Leisten und Einlagen wie Zauberwerk präsentieren. Gleichzeitig verlockt das Geschehen hinter dem Fenster dazu, einen Blick ins Innere des Geschäfts zu werfen – einen großen offenen Raum, der durch bis an die Fenster reichende Arbeitsplätze und -geräte verrät: Hier wird „Hand-Werk“ im wahrsten Sinne des Wortes betrieben. „Was wird da gemacht?“, müssen sich Vorübergehende in der Einkaufsstraße der hübschen, durch Fachwerkhäuser und Kleingeschäfte geprägten Innenstadt Steinaus unwillkürlich fragen. „In den ersten Tagen hat es hier sogar schon eine Abb.3Vollbremsung gegeben, weil ein Autofahrer sehen wollte, was hier neu entstanden ist“, scherzt Anastasia später. Und ihr Wunsch, dass sich Menschen eingeladen fühlen, einfach hereinzuschauen, hat sich mit diesem Designkonzept vom ersten Tag an erfüllt. Neugier wecken, mit spielerischen und magischen Elementen locken, das funktionierte bereits bei ihrer Einladung zur Neueröffnung. Hier genügten das Bildmotiv eines blätterumumrankten Models, als geheimnisvolles Wesen gestylt, und der Satz „Etwas Neues entsteht“, um rund 300 Besucher, größtenteils aus Steinau und den umliegenden Orten aus dem Kinzigtal, zu ihrem Eröffnungsevent zu locken, manche bereits mit ihren Einlagen und Schuhen im Gepäck, weil sich irgendwie doch herumgesprochen hatte, dass eine Orthopädieschuhmacherin ein leer stehendes Ladengeschäft mit neuem Leben füllen würde.


Abb. 3+4: Die Kostüme, Frisuren und Makeup der Models stammen von Anastasia, das Foto-Shooting führte sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fotografen Christian Volk, durch. Die Fotos sind in der Werkstatt ausgestellt und wesentliches Element der Selbstdarstellung von footopia, die Orthopädieschuhtechnik jung, witzig, begehrenswert und stylisch wirken lässt. Fotos: Christian VolkGeschäftsidee: „Einlagen to go“
Offene Werkstatt und Wohlfühlort
„Kommt einfach vorbei zum Hallo-Sagen oder schaut mir bei der Arbeit zu“, postet Anastasia auf Facebook, wo sie fast täglich kurz berichtet, woran sie gerade tüftelt — zum Beispiel an der „Zen-Arbeit“, einen Reißverschluss in festes Leder einzunähen. Und wer die Tür zu ihrem Geschäft öffnet, fühlt sich zum Zu- und Hinschauen auch gleich eingeladen: Linkerhand fängt zuerst eine thekenartig wirkende Arbeitsfläche die Aufmerksamkeit ein — hier arbeitet Anastasia mit Blickrichtung auf den eintretenden Kunden. Der Werkstattbereich dahinter wirkt offen, der Blick des Besuchers fällt unmittelbar auf die verschiedenen Arbeitsbereiche von Leisten- und Bodenbau, Schuhzurichtung und -reparatur, auf Nähmaschinen, bunte Leder und die größeren Maschinen im hinteren Bereich. Die Wege dahin sind unverstellt, auf den ersten Blick ist klar, dass man dem Arbeitenden ruhig zuschauen oder mit ihm an Arbeitsfläche oder Maschine stehen darf. Wie ein kreativ eingerichtetes Wohnzimmer wirkt der gegenüberliegende Wartebereich, in dem sich die Kunden auf mit Fellen, Kissen und Decken ausgestatteten Sofas und Sesseln an aus Ästen gefertigten Tischchen niederlassen können, die mit Keksen, Obst, Kerzen und handgefertigter Deko aus Naturmaterialien bestückt sind. „Wenn ich gerade noch einen anderen Kunden habe, biete ich Tee an und sage, dass man es sich hier gemütlich machen, in meinen Lieblingsbüchern stöbern oder sich einfach umschauen darf“, erklärt Anastasia. Die Menschen nähmen das richtig gut an und fragten manchmal sogar, ob sie hier noch länger bleiben und „chillen“ dürfen. Der Arbeitsplatz für Anastasias Geschäftsidee „Einlagen to go“: Der Kunde darf bei allen Schritten der Einlagenfertigung zuschauen und sich alles erklären lassen. Die Renovierung und Ladengestaltung machte die Gründerin zusammen mit einer Freundin selbst. Foto: Christian VolkLässige Musik, eine Fotoausstellung mit weiteren Motiven der „magischen“ Models, Postkarten mit Sprüchen wie „Finde heraus, was dich glücklich macht, dann wiederhole es!“ oder „Okay, hier bin ich! Wie lauten deine anderen zwei Wünsche?“ und der weite Blick in die Werkstatt tun ein Übriges, um dem Kunden die Zeit möglichst angenehm zu gestalten. Bereits im Wartebereich wird der Schuh, egal ob repariert, zugerichtet oder maßgefertigt, als etwas Wertiges in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. In einem dekorativen Holzregal mit Fächern, in denen handgeschriebene Täfelchen Begriffe wie „Schönheit“, „Freude“, „Kreativität“ zeigen, sind abholbereite Schuhe ausgestellt, auf grauen Filzunterlagen stehend und mit kleinen Geschenksäckchen aus Jute dekoriert. An den spielerischen Elementen in ihrer Werkstatteinrichtung haben auch Kinder ihre Freude. Im Maßraum steht gegenüber dem Maßstuhl ein rot gepolsterter, verschnörkelter Stuhl, auf den sie sich erst einmal setzen dürfen. Mädchen können dazu einen Prinzessinnenrock und eine Krone anziehen, Jungen Piraten-Accessoires. So ist das Eis schnell gebrochen, um die Füße der kleinen Patienten untersuchen zu können. Das Kind danach noch dazu zu bringen, auf den Maßstuhl zu klettern, eine Trittspur und einen 2D-Scan der Füße durchführen zu lassen, ist dann kein Problem mehr. Für jeden Patienten steht auf dem Maßstuhl ein kleines Schiefertäfelchen mit den handgeschrieben Worten „Herzlich willkommen“ und seinem Namen. „Der Maßraum ist wandelbar“, freut sich Anastasia und zeigt mir, dass sich für Frauen beerenfarbene Jalousien, für Männer grau-schwarze vor die Fenster ziehen lassen. Bei allen spielerischen, humorvollen Elementen wirkt in der Werkstatt doch nichts überladen oder kitschig. In diesem „Schuhparkplatz“ im Wartebereich sind  abholbereite Schuhe ausgestellt. Kleine Geschenke, wie die „footopia“-Kekse, die eine Konditorin für Anastasia macht, ­gehören immer dazu. Foto: C. Maurer FachmedienDenn diese Elemente sind in eine Inneneinrichtung integriert, die jenen modernen Stilmix schafft, mit dem ausgefallene Geschäfte, alternative Boutiquen oder lässige Cafes in Großstädten Besucher anziehen: Holz und anderen Naturmaterialien, Leuchten, die metallischen Industriecharme versprühen, schwarz lackierte Maschinen, Wände mit grau-schwarz gemaserter Mauersteinoptik und ausgehängte bunte Leder fallen hier ebenso ins Auge wie eine elegante Nähmaschine und ein riesiger Holzleisten. „Am Anfang haben mir viele Kollegen gesagt: Das funktioniert nicht in einer so kleinen Stadt“, erzählt Anastasia, die gern Designerin geworden wäre, wenn sie sich nicht für die Orthopädieschuhtechnik entschieden hätte. „Aber oh Wunder: es funktioniert gut!“ Vielleicht sind es gerade Städte wie Steinau, mit Fachwerkhäusern und altem Gemäuer, in denen man sich kennt und in denen Metzger, Bäcker, kleine Cafés, Restaurants, Friseure, Deko-, Schmuck- und Geschenkgeschäfte gleichermaßen am Erhalt einer attraktiven Innenstadt interessiert sind, in denen ein Kleinstbetrieb mit einem besonderen Konzept erfolgreich sein kann.

Auf die Umwelt achtet Anastasia nicht nur mit ihrem weitgehend papierlosen Betrieb. Statt Tüten gibt es Filz­taschen, die Kunden leihen oder kaufen können, oder Tank Tops, die zu Taschen umfunktioniert werden können. Foto: C. Maurer FachmedienMit dem Kunden und für den Kunden zu arbeiten, ist einer der wichtigsten Bausteine von Anastasias Konzept. „Egal, mit welchem Problem jemand zu uns kommt, wir sind für ihn da und können es lösen“, ist für sie der Grundgedanke eines jeden Handwerks. Ihr ist es wichtig, direkt eine persönliche Beziehung zum Kunden aufzubauen, auf die ihr eigene, mit schlagfertigem Humor gewürzte lockere Art, die so manch einen erst einmal lachen und Anspannung abbauen lässt. „Hier ist die Anastasia“, meldet sie sich am Telefon und hört dann heraus, ob der Anrufer lieber geduzt oder gesiezt werden möchte. Den Laden selbst verlassen nur wenige, ohne dass es zu einem „Du“ im Gespräch gekommen ist. In ihrem Betrieb soll der Kunde von der Begrüßung und der Bedienung im Wartebereich über die Abläufe im Maßraum bis hin zur Fertigung und Abgabe des Produkts von ein und derselben Person betreut werden. Insbesondere bei ihrer besonderen Geschäftsidee: der „Einlage to go“. Wer möchte und genügend Zeit mitbringt, kann sich seine Einlage direkt nach der Fußuntersuchung von ihr fertigen lassen – an ebenjenem Arbeitsplatz direkt neben dem Eingangsbereich. Unter der Arbeitsfläche sind vorgestanzte Einlagenkomponenten gut sortiert und griffbereit gelagert, mit denen sie ihr ausdifferenziertes Konzept individueller Einlagen umsetzt. Auf der Fläche befinden sich drei verschiedene Bezugsmaterialien, Sprühkleber und ein in die Arbeitsfläche eingelassener Monitor, auf dem die Daten der Patienten verschlüsselt abgerufen werden können. Während der Fertigung erklärt Anastasia dem Kunden genau, welche Funktion die Einlagenkomponenten für die Behandlung seiner Fußproblematik erfüllen. „Wenn der Kunde die Bezugsmaterialien und Einlagenkomponenten anfassen kann, versteht er viel besser, welches Material sich für ihn am besten eignet. Viele meinen ja, Lederbezüge seien immer das Beste, aber wenn ich jemanden fühlen lasse, wieviel härter sich ein Polster unter einem solchen Bezug anfühlt, entscheider er sich meist für das geeignetere Material“, so Anastasia. Auch bekomme der Kunde eine wesentlich deutlichere Vorstellung von der Qualität handwerklicher Arbeit, wenn er die einzelnen Arbeitsschritte und das dahinterstehende funktionelle Denken mitverfolgen könne. Und die Zeit für die Fertigung könne sie gleichzeitig für das Patientengespräch nutzen. Eine halbe Stunde in der Maßkabine und eine halbe Stunde bei der Einlagenfertigung kalkuliert Anastasia pro Kunde ein, der die fertige Einlage dann gleich mit nach Hause nehmen kann. Ein Erlebnis, das die Menschen oft so stark beeindruckt, dass die Mundpropaganda in den Folgetagen weitere Personen aus ihrem Bekanntenkreis anlockt. Es ist „Handwerk zum Anfassen“, das die Unternehmerin bieten will. Dabei möchte sie die Menschen durchaus auch selbst zum Handanlegen und Kreativsein anregen. So hatte sie bereits Schulklassen zu Gast und plant, Kurse für Laien anzubieten, die sich eigene Zehenstegsandalen aus ihren Einlagen, Gürtel oder Ledertaschen fertigen wollen. Auch Azubis oder interessierte Kollegen sind bei ihr willkommen. „Bei mir kann jeder, der möchte, sich seinen eigenen Schuh bauen oder etwas Neues ausprobieren.“

Abb.8Softwaregestützte Betriebsorganisation
Mit diesem Ladenkonzept verwirklicht die Orthopädieschuhmacher-Meisterin viele ihrer Neigungen, liebt sie es doch, orthopädischen Maßschuhen ein besonderes Design zu geben und mit kreativen Ideen Schuhe und Accessoires zu Hinguckern zu machen. Mit ihren ungewöhnlichen Designs gewann sie mehrere Maßschuhwettbewerbe des Zentralverband Orthopädieschuhtechnik und gab in Tutorials in der Fachzeitschrift und Seminaren ihre Ideen zu Bodenbau und Schaftgestaltung weiter. Und schon immer war es ihr Wunsch, die Orthopädie mit Lifestyle, Kreativität und Zwischenmenschlichkeit zu verbinden und wahrnehmbar zu machen, um was für einen attraktiven Beruf es sich handelt. Im Gespräch wird jedoch schnell klar, dass sich in der Person, die Leichtigkeit, Lockerheit und Begeisterung für ihr Tun ausstrahlt, auch eine Unternehmerin verbirgt, die betriebliche und handwerkliche Arbeitsprozesse effizient gestalten möchte, genau zu kalkulieren versteht und die heutigen digitalen Möglichkeiten der Betriebsorganisation optimal zum Einsatz bringen möchte. Schließlich müssen ein Darlehen abbezahlt und angesichts der schnell angestiegenen Aufträge bald auch Mitarbeiter eingestellt werden können. Anastasias wichtigstes Instrument für einen effizienten Betriebsablauf ist die Software „san6“ von TopM. „Sie bietet eine Menge Funktionen und Möglichkeiten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind“, erklärt sie. Ihre Vorliebe, Neues auszutüfteln, kam ihr auch bei der Ausschöpfung des Programms zugute. Im Dialog mit dem Anbieter konnte sie sämtliche Abläufe und Funktionen, die sie in ihrem Betrieb haben wollte, durch eine Anpassung der Software abbilden lassen. „san6 kann zum Beispiel die Arbeitsabläufe in mehrere Filialen steuern. Ich nutze diese Funktion dazu, um die verschiedenen Arbeitsbereiche in meiner Werkstatt, wie Schaftgestaltung, Bodenbau, Zurichtung, Reparatur oder Einlagenfertigung, separat abzubilden.“ Zurzeit ist Anastasia noch dabei, alle Produkte und Komponenten ins System einzupflegen und mit einem EAN-Code zu versehen. Hier denkt sie schon in die Zukunft: Jeder ihrer künftigen Mitarbeiter soll einen eigenen Barcode-Scanner erhalten, mit dem er sämtliche für einen Auftrag benötigten Materialien erfassen kann. Abb.8+9: Den Prinzessinnen- und Piratenthron (links) gegenüber dem Maßstuhl (oben) dürfen auch Erwachsene für Selfies nutzen, ein Aufsteller mit der Aufschrift „Be your self(ie)“ lädt ausdrücklich dazu ein. In ihrem Marketing setzt Anastasia auf  Social Media und die Mundpropaganda ihrer Kunden, aber auch auf persönliche Ansprache und Netzwerkbildung. Geschäfte mit viel Publikumsverkehr, wie Bäcker, Metzger, Fitnessstudios und Einzelhändler, hat sie zu ihren Partnern gemacht, die von ihr erzählen oder Flyer zu ihren Aktionen auslegen. Fotos: Christian Volk „Theoretisch kann ich dann bei jedem Auftrag sehen, welche Komponenten verwendet wurden und wieviel Material verbraucht wurde, aber auch, wieviel Zeit der jeweilige Mitarbeiter für den einzelnen Arbeitsgang gebraucht hat.“ Falls ein Problem mit einem Produkt auftritt, lässt es sich ganz einfach in allen Komponenten zurückverfolgen. Zudem ermöglicht das System automatische Nachbestellvorgänge. Auch die Arbeitsorganisation und Auftragsabwicklung möchte die Orthopädieschuhmacher-Meisterin komplett digital gestalten. Jeder ihrer künftigen Mitarbeiter soll ein eigenes IPad erhalten. Bereits im Maßraum können sämtliche für einen Auftrag benötigte Daten (Patientendaten, Scans und Fotos, aber auch auftragsbezogene Fertigungsanweisungen, gewünschte Materialien und Komponenten) an den jeweiligen Arbeitsplatz geschickt werden. TopM ermöglicht dabei auch die zeitliche Planung und Einordnung der jeweiligen Aufträge. „Ich verspreche mir davon, dass es weniger Missverständnisse, Fehler und Rückfragen geben wird, weil auf den ersten Blick alles viel klarer für die Mitarbeiter ist“, sagt Anastasia. „Jeder kann sich jederzeit auf dem IPad die benötigten Daten ziehen, egal, an welchem Arbeitsplatz er sitzt — sogar von zu Hause aus, wenn das Kind mal krank ist, der Mitarbeiter aber trotzdem einige Dinge regeln möchte.“ Sie arbeitet auch an einem Bildarchiv, in dem sich Mitarbeiter bei Bedarf besondere Fertigungsarten anschauen können. Der Umwelt zuliebe, aber auch aus Effizienzgründen möchte Anastasia einen möglichst papierlosen Betrieb erreichen. Von vornherein werden alle Verordnungen und Unterlagen des Patienten eingescannt, Patientenerklärungen, Formulare zu Mehrkosten oder Datenschutz sind im System hinterlegt und können vom Patienten mit „revis2“ von TopM elektronisch abgezeichnet werden. Dabei hat Anastasia sämtliche vom Patienten zu unterzeichnenden Formulare so zusammengeführt, dass diese Vorgänge mit weniger Aufwand erledigt werden können. Auch Kostenvoranschläge und Abrechnungen mit den Kostenträgern macht Anastasia vollständig elektronisch. Im System sind dafür sämtliche benötigten Verträge hinterlegt. Für Diabetesversorgungen hat sie die Risikoklassen, den Schuhverordnungsbogen und die Formulare der jeweiligen Krankenkassen hinterlegt. Auch besondere Notizen zu den Patienten, Wiedervorlagen und die automatische Auslösung von Aktionen können in das System eingegeben werden.

Abb.10 +11: Hinter diesem Design würde man keinen orthopädischen Schuh vermuten.  Tatsächlich enthält er eine Knöchelkappe, einen Verkürzungsausgleich  und einen Vorfußersatz. Fotos: Christian VolkNicht auf Kosten des Handwerks digitalisieren
So sehr sie in der Betriebsorganisation auf Digitalisierung setzt, möchte die Gründerin jedoch nicht alle technischen Entwicklungen in der Orthopädieschuhtechnik mitmachen. „Meine Kollegen haben mich gefragt: Machst du in Deinem neuen Betrieb 3D-Druck? Hast du einen 3D-Scanner? Machst du Videoanalyse auf dem Laufband? Zu all dem habe ich gesagt: Nö!“. Um den Patienten bestmöglich zu versorgen und wirklich individuelles Orthopädieschuhmacher-Handwerk zu betreiben, ist dies aus ihrer Sicht nicht nötig und oft sogar eher hinderlich. „Ich erfahre viel mehr über die Beschwerden des Patienten, wenn ich eine gute Anamnese mache, ihn beim Gehen anschaue, den Fuß in die Hand nehme und funktionelle Tests mache, ergänzt durch einen Blauabdruck, eine Trittspur und, für mich schon Abb. 11weniger wichtig, den 2D-Scan.“ Der 3D-Druck übt auf sie keinerlei Reiz aus, sie möchte handwerklich arbeiten und den Schuh vom Boden bis zum Schaft mit ihren eigenen Händen gestalten. „Ich nutze die Digitalisierung, um meine Betriebsabläufe zu verbessern. Mir ist einerseits wichtig, dadurch kosteneffizient arbeiten zu können, und andererseits, die eingesparte Zeit dem Patienten widmen zu können.“ Die Frage, ob sie sich vor der Gründung Sorgen gemacht hat, dass ihr Konzept auch scheitern könne, verneint Anastasia. „Man kann nie wissen, wie etwas wird. Ich bin generell jemand, der sagt: Wenn du etwas wirklich willst, dann tu es!“ Der Start ihres Unternehmens war jedenfalls so erfolgreich, dass sie schon im ersten Monat die erwarteten Umsätze übertroffen hat und jetzt, weitaus früher, als sie selbst gedacht hat, einen Mitarbeiter sucht, der zu ihrem Ladenkonzept passt. Zu einem großen Betrieb heranwachsen soll ihre Werkstatt nach jetziger Planung nicht. „Mein Konzept lebt von der persönlichen Bindung zum Kunden“, sagt sie, „und von der Persönlichkeit jedes Einzelnen, der hier arbeitet.“

 

Artikel als PDF herunterladen

Herunterladen