Foto: Bernd Franke

Im Ausland tätig sein und dabei auch noch Entwicklungsarbeit leisten? Für Orthopädieschuhmachermeister Bernd Franke kein Traum, sondern Realität. Er hat eine Fortbildung zum „Internationalen Meister“ absolviert. Seine Einsatzgebiete bisher: Pakistan, Südafrika, die Mongolei und Ruanda.

Welche Optionen gibt es, das Fachwissen, das ich mir über die Jahre angeeignet habe, anderen Menschen zur Verfügung zu stellen?“ – diese Frage stellte sich Bernd Franke erstmals, nachdem ein befreundeter Arzt über eine Consultingfirma in die Vereinigten Arabischen Emirate vermittelt wurde. Als er daraufhin über das Fortbildungsprogramm „Internationaler Meister“ der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main „stolperte“, war für Franke schnell klar, dass er diese Qualifikation haben möchte. „Ich war im dritten Kurs, der überhaupt stattgefunden hat, mit Zimmerern, Elektrikern, Dachdeckern und KFZ-Mechatronikern“, erzählt der Orthopädieschuhmachermeister. Aus der Orthopädieschuhtechnik aber sei er bis dato der Erste gewesen, der diese Fortbildung absolvierte.

In Pakistan hatte Bernd Franke die Aufgabe, die Arbeits- und Sicherheitsstandards in Betrieben der Schuhproduktion unter die Lupe zu nehmen. Verbesserungspotenzial gab es an vielen Stellen.  Fotos: Bernd FrankeEinsatz im Krisengebiet

Im Kurs war er dann das erste Mal konfrontiert mit Fachenglisch, aber auch zunächst ungewöhnlichen Fragen: Wie erstelle ich im Kongo einen Businessplan? Welche unterschiedlichen Volksstämme könnte ich treffen? Wo erhalte ich überhaupt Informationen? Auf die Vermittlung interkultureller Kompetenz sei großen Wert gelegt worden. „An Beispielen wurde gezeigt, wie Entscheidungen vor Ort zu treffen sind“, sagt Franke. Auch das Verhalten in Krisengebieten sei ein wichtiges Thema gewesen: „Ausbilder der GSG 9 haben Schulungen mit uns gemacht, um Überfälle zu demonstrieren und zu simulieren.“

In ein solches Krisengebiet führte auch Bernd Frankes erster Einsatz, der über die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vermittelt wurde. Gemeinsam mit einer Schuhmachermeisterin aus Braunschweig reiste er 2018 nach Pakistan, ein Land, das beide zu diesem Zeitpunkt nicht kannten. Per Skype erhielt Franke eine Nachricht, in der der Auftraggeber vor Ort genannt wurde, per E-Mail eine Liste mit weiteren Informationen – daraufhin packte er seinen Koffer und flog nach Lahore, einer Stadt mit 12 Millionen Einwohnern, von denen viele in der Textil- und Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Dort angekommen, wartete bereits das erste Abenteuer: „Wir waren mit dem Taxi unterwegs, sind in mehrere Militärkon-
trollen gekommen und haben die Sprache nicht verstanden – das war schon eine Herausforderung“, erzählt der OSM aus Bad Wildungen. Besonders in Krisengebieten wie Pakistan sei es „ein riesiger Vorteil“, als „Internationaler Meister“ über den Auftraggeber abgesichert zu sein.

In Pakistan mangelte es an allem

Seine Aufgabe in Lahore: Arbeits- und Sicherheitsstandards in zwei Betrieben der Schuhproduktion vor Ort unter die Lupe zu nehmen. „Dort mangelte es an allem“, erinnert sich Franke. „Wir waren unter anderem in einer Schuhsohlenproduktion, wo Polyurethansohlen produziert wurden. Es gab keine Absauganlagen, gearbeitet wurde bei 43 Grad, die Wachs- und PU-Dämpfe hingen als Nebel in der Halle und die Mitarbeiter zogen Plastiktüten über die Füße, damit das heiße PU nicht darauf tropfte, weil sie Sandalen trugen.“ Das seien die dortigen Sicherheitsstandards. „Verbesserungspotenzial gibt es an vielen Stellen“, meint Franke, „ob das die Sitzhöhe am Arbeitsplatz ist oder die Lager, die zu hoch und unsicher sind. Material kann zum Ausschneiden statt auf den Boden auch auf einen großen Tisch gelegt und Klebstoff statt mit dem Finger mit einem Pinsel aufgetragen werden“. Auch Absauganlagen seien ein wichtiges Thema.

Durban, Südfafrika: In der Modellabteilung eines Schuhherstellers begleitete der Orthopädieschuhmachermeister Auszubildende und junge Mitarbeitende im Bereich der Digitalisierung. Foto: Bernd Franke

„Dann kommt man zurück und arbeitet wieder mit den Sicherheitsstandards, die es hier gibt. Da treffen Welten aufeinander“, sagt Franke. Die GIZ arbeite vor Ort nur mit Betrieben zusammen, die auch bereit seien, etwas zu verändern. So hatte Bernd Franke in Pakistan auch die Aufgabe, dem Geschäftsführer und Produktionsleiter vor Ort anhand einer Powerpoint-Präsentation zu vermitteln, an welchen Stellen es Verbesserungspotenzial gibt. Vom Auftraggeber, der GIZ, sei dann entsprechend überwacht und kontrolliert worden, dass diese Verbesserungen auch umgesetzt wurden.

Intensive Vorbereitung

Über den Senior Experten Service (SES), die Entsendeorganisation für ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit, war Bernd Franke drei Wochen in Südafrika. In Durban, einer Großstadt an der Ostküste, begleitete er Auszubildende und junge Mitarbeitende in der Modellabteilung eines Schuhherstellers im Bereich der Digitalisierung. Wie bei allen anderen Aufenthalten begann die Planung auch hier schon lange vor dem eigentlichen Reiseantritt: „Die Aufenthalte sind in der Vorbereitung sehr intensiv, der Organisationsaufwand ist nicht zu unterschätzen und jedes Mal anders“, meint Franke. Beispielsweise müsse abgeklärt werden, ob es Wlan gibt oder ob Werkzeuge und Materialien, mit denen hier gearbeitet wird, vor Ort auch zur Verfügung stehen. „Brauche ich eventuell mehr Platz im Flugzeug, um Materialien mitzunehmen? – um solche Fragen geht es,“ verdeutlicht Franke.

Online-Schulung in der Mongolei

Auch auf einen geplanten Mongolei-Aufenthalt im März des vergangenen Jahres hatte sich Bernd Franke intensiv vorbereitet und das Flugticket nach Ulan Batar bereits in der Tasche. Eine kleine Schuhfabrik mit 35 Angestellten, die überwiegend Stiefel für den dortigen Einsatz in der Steppe produziert, erwartete Schulungen und Tipps zur Arbeitssicherheit und Arbeitssicherheitsschuhen. Die gab es dann auch – allerdings per Skype, Whatsapp und Microsoft Teams. Ein Besuch vor Ort war aufgrund der Pandemie nicht möglich.

Versorgung in Ruanda: Das ostafrikanische Land liegt Bernd Franke besonders am Herzen. Im Oktober wird er das erste Mal dorthin reisen. Foto: Bernd FrankeOnline schult Bernd Franke nun seit einem Jahr auch junge Orthopädiemechaniker in drei Rehazentren in Ruanda – ein Projekt, das er selbst initiiert hat. Das ostafrikanische Land, das durch den Bürgerkrieg vor 25 Jahren sehr gebeutelt wurde, liege ihm besonders am Herzen, erzählt Franke. Im Oktober kann der seit langem geplante und durch die Pandemie mehrmals verschobene Aufenthalt dort nun endlich stattfinden. Dann wird es möglich sein, all das, was bisher in Online-Schulungen in der Theorie gelehrt wurde, auch praktisch umzusetzen. Darauf freut sich Bernd Franke besonders: „Jemandem zu zeigen, wie er die Zwickzange halten muss oder an welchen Stellen das Maß auf den Leisten übertragen wird – das ist online nicht möglich. Die Menschen vor Ort sind unglaublich dankbar, wenn man sie an die Hand nimmt und sagt, wir machen das – in ganz vielen kleinen Schritten.“

Den eigenen Wissens-Horizont erweitern

Bernd Franke würde sich wünschen, dass noch mehr Orthopädieschuhmacher die Möglichkeit nutzen, als „Internationaler Meister“ einen Beitrag zur Entwicklungsarbeit zu leisten und sich für solche Einsätze öffnen. Die Fortbildung biete viele Chancen, den eigenen Wissens-Horizont zu erweitern und Lebenserfahrung zu sammeln. „Der Reiz ist doch, in fremde Länder zu kommen, wo Touristen sich in der Regel nicht blicken lassen – wir aber sind mittendrin“, sagt Franke. Er finde auch folgenden Gedanken sehr inspirierend: „Gemeinsam in einem Land, das unseren Beruf noch nicht kennt, aber braucht, etwas zu schaffen, was wir schon längst haben, aber dort noch unbekannt ist“.

 

Autorin: Christina Baumgartner