Hans Peter Wollseifer (l.) begrüßt ZVOS-Präsident Stephan Jehring im Haus des Handwerks in Berlin. Foto: C. Maurer Fachmedien
WOLFGANG BEST
 
Der Kostendruck durch die Krankenkassen sowie der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel sind nur einige der Herausforderungen, denen sich die Orthopädieschuhtechnik gegenübersieht. Wo genau die Probleme liegen und wie man darauf reagieren kann, stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Zentralverbandes Orthopädieschuhtechnik (ZVOS) am 4. November 2021 im Haus des ZDH in Berlin. Für die Veranstaltung hatte der ZVOS bewusst auch jene Innungen eingeladen, die nicht mehr Mitglied im Zen-tralverband sind. „Es soll aber keine Werbeveranstaltung für den Zentralverband werden“, betonte ZVOS-Präsident Stephan Jehring zu Beginn der Veranstaltung. Es gehe darum, dass man gemeinsam überlege, wie sich die Orthopädieschuhtechnik in den nächsten Jahren weiterentwickeln und aufstellen sollte, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen. Dass es hiervon nicht wenige gibt, machte gleich zu Beginn Hans-Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), in seinem Grußwort deutlich. Vor Corona seien die Kassen gut gefüllt gewesen. Heute gehe es darum den Wohlstand zu retten, sagte Wollseifer – auch im Hinblick auf die Entwicklung der Sozialversicherungsbeiträge. Alle wollten eine gute Versorgung der Patienten, aber angesichts der schwierigen finanziellen Entwicklung in der Gesetzlichen Krankenversicherung gebe es schon wieder erste Rufe der Krankenkassen nach neuen Vertragsgestaltungen. Da der Hilfsmittelbereich als ein Kostentreiber im Gesundheitswesen gelte, müssten die Gesundheitshandwerke künftig gut aufgestellt sein und müssten mit starker, aber vor allem mit einer Stimme sprechen. „Sonst wird man in Berlin nicht wahrgenommen“, betonte Wollseifer. Das Beispiel der Online-Einlagenversorgung durch die Barmer, die vorerst abgewehrt werden konnte, sei ein gutes Beispiel dafür. Wollseifers Einschätzung bestätigte Kim Nicolai Japing. Japing, der im ZDH für die fünf Gesundheitshandwerke Kontakte in die Politik knüpft und pflegt und über die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden hält, informierte darüber, was aus aktueller Sicht von der künftigen Gesundheitspolitik und den Krankenkassen zu erwarten ist. So kurz nach der Wahl sei vieles noch Spekulation, so Japing. Hier könne man sich nur an den Wahlprogrammen orientieren, in denen die FDP zum Beispiel mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen fordere und sich unter anderem für Selektivverträge ausspreche. Das Anliegen der Grünen, die nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe zu stärken, komme dagegen dem Handwerk entgegen. Relativ genau kenne man aber die Finanzsituation der Krankenkassen. Durch den demographischen Wandel steige die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen, wodurch die Gesundheitsausgaben in die Höhe schnellten. Von dieser Gesamtentwicklung sei das Handwerk natürlich auch betroffen. Aus den Positionspapieren der Krankenkassen sei eine ganz klare wirtschaftliche Orientierung zu erkennen. So gehörten die Aufhebung des Ausschreibungsverbotes sowie Rabatt- und Selektivverträge zu den Forderungen einiger Krankenkassen. Das, so Japing, könnte zur Folge haben, dass große Leistungserbringer versuchen könnten, preisgetriebene Versorgungsmodelle anzubieten, sollten sich die Kassen mit ihren Forderungen durchsetzen. 
 
Kim Nikolai Japing. Foto: C. Maurer FachmedienDie Dienstleistung in den Vordergrund stellen
Brauchen wir einen Perspektivwechsel in der Orthopädieschuhtechnik?, fragte Wolfgang Best, Chefredakteur der Zeitschrift Orthopädieschuhtechnik in seinem Vortrag. Aktueller Anlass für diese Frage war das zwischenzeitlich ausgesetzte Vorhaben der Barmer, eine Online-Einlagenversorgung im Hilfsmittelmarkt zu etablieren. Das Vorgehen der Barmer habe gezeigt, wie man im Krankenkassenbereich die Einlagenversorgung im Handwerk wahrnimmt: Für individuelle Einlagen brauche man aus Sicht der Kostenträger offenbar nur die Diagnose, die Trittspur und einen Rohling, der angepasst wird. Der direkte Patientenkontakt werde nicht als wesentlich erachtet. Wie es richtig geht, hätten die orthopädischen Fachgesellschaften in ihrer Stellungnahme zu diesem Online-Verfahren herausgestellt: Zur sachgerechten Hilfsmittelversorgung sei die genaue Anamnese und Untersuchung des Patienten durch den verordnenden Arzt und auch den Techniker notwendig. Viel mehr als früher seien die Orthopädieschuhmacher heute in der Befundung und Analyse gefordert. Doch während die Leistung und die Kompetenz um die eigentliche Herstellung des Hilfsmittels herum immer wichtiger würden, sei die Kalkulation der Preise von Seiten der Kostenträger immer noch sehr stark auf die handwerkliche Herstellung fixiert. Das gelte nicht nur für die Einlagen, sondern auch für die Herstellung von orthopädischen Schuhen, bei denen die Preise fast ausschließlich auf die Herstellung einzelner Arbeitsschritte bezogen seien. Wäre es nicht sinnvoller, die Perspektive zu wechseln und statt der handwerklichen Herstellungsleistung die gesamte Dienstleistung, die in der Versorgung erbracht wird, mehr in den Vordergrund zu stellen – vor allem hinsichtlich der Kosten für die Gesamtleistung?, fragte Best. Das sei nicht leicht umzusetzen, räumte er ein. Doch es sei nicht unmöglich, Kostenträger zu überzeugen, wie die Entwicklung in Australien zeige. Dort verfolge die Orthopädieschuhtechnik schon seit vielen Jahren die Strategie, die Kompetenzen in der Befundung und Analyse in den Vordergrund zu stellen. Dort sehe sich der Beruf als Dienstleister, der sich um den Erhalt, die Verbesserung oder die Wiederherstellung von Mobilität kümmere. Die Herstellung von Produkten wie Schuhen und Einlagen sei dabei nur ein Teil der Leistung. Im Vordergrund stehe immer der Nutzen für den Patienten. Und alle Leistungen, die dem Patienten nutzen, würden von der Krankenkasse bezahlt, auch die Beratungs- und Befundungsdienstleistungen. 
 
Gerold Elkemann. Foto: C. Maurer FachmedienNachfolger oft vergeblich gesucht
Wie wird sich die Struktur der Branche in den nächsten Jahren entwickeln und welche Auswirkungen wird dies auf die Innungsarbeit haben? Das war das Thema von Gerold Elkemann, Geschäftsführer der Landesinnung Bayern. Am Beispiel seiner Landesinnung erläuterte er, welche Entwicklungen vermutlich auf die Innungen der Orthopädieschuhtechnik zukommen werden. 320 Mitgliedsbetriebe habe die Landesinnung Bayern mit durchschnittlich fünf Beschäftigten. Innerhalb dieser Struktur gebe es jedoch sehr große Differenzen. Manche Betriebe seien sehr innovativ in der Fortbildung der Mitarbeiter und dem Agieren am Markt, während andere Betriebe sich sehr statisch verhalten und sich auch wenig um Fortbildung kümmern würden. Laut Elkemann wird sich die Struktur der Betriebe in den nächsten Jahren deutlich verändern. 41 Prozent aller kleineren Betrieben beabsichtigten, den Betrieb aufzugeben. 19 Prozent planten diesen Schritt bereits in den nächsten fünf Jahren. Die Übergabe der Betriebe innerhalb der Orthopädieschuhtechnik sei jedoch schwer. Nachfragen unter den Meisterschülern hätten gezeigt, dass kaum jemand noch gewillt sei, sich selbstständig zu machen. Zudem erschwerten die bürokratischen Vorgaben durch den Gesetzgeber und die Krankenkassen die Übergabe der Betriebe. Auch Nachwuchs zu finden werde immer schwerer. Es sei jedes Mal eine Kraftanstrengung, die Zahl der Lehrlinge innerhalb der Landesinnung konstant zu halten. Der „Akademikerwahn“ in der Gesellschaft lasse leider eine Beschäftigung im Handwerk wenig attraktiv erscheinen. Die Folge dieser Entwicklung sei zum einen, dass die Mitgliedsbetriebe der Innung zunehmend überaltern. Und wenn ein Betrieb schließe, werde häufig eine Filiale eines Sanitätshauses daraus, was die Filialisierung im Handwerk weiter beschleunige. Die Folge seien sinkende Mitgliederzahlen bei den Innungen. Diese negative Entwicklung kontrastierte Elkemann mit seiner Überzeugung, dass es das Handwerk der Orthopädieschuhtechnik immer geben werde. Aufgrund der Marktentwicklung sei es eine Wachstumsbranche mit vielen Chancen für aktive und innovative Betriebe. Aber organisatorisch bewege sich dieses Gesundheitshandwerk künftig vermutlich in anderen Strukturen. Wenn die Orthopädieschuhtechnik als eigenständiges Handwerk weiterbestehen wolle, müsse man sowohl die Nachwuchswerbung intensivieren als auch die Lobbyarbeit für den Beruf. 
 
Thomas Ehrle. Foto: C. Maurer FachmedienKernkompetenzen stärken
Auch für ZVOS- Vorstandsmitglied Thomas Ehrle gehören die Nachfolge im Handwerk und die Zukunftsperspektiven zusammen: „Wer Verantwortung übernehmen soll, braucht einen positiven Entwurf für die Zukunft“. Hatte Hans-Peter Wollseifer noch darauf hingewiesen, dass ein einheitliches Vorgehen des Handwerks angesichts der Pläne mancher Krankenkassen nötig sei, so erinnerte Ehrle daran, dass die Orthopädieschuhtechnik auf dem Markt zunehmend mehr Konkurrenz bekomme. Hier meinte Ehrle nicht nur die Filialisierung im Sanitätshausbereich, sondern auch Investoren, die zunehmend im Markt aktiv würden. Zudem würden auch Krankenkassen versuchen, die gesamte Leistungskette durch den Kauf von Kliniken und Leistungserbringern zu kontrollieren. Hierauf müsse sich das Handwerk einstellen. Ehrle forderte deshalb dazu auf, den eigentlichen Markenkern der Orthopädieschuhtechnik zu stärken. Das ist aus seiner Sicht die Produktgruppe 31 (Schuhe), die man für die Orthopädieschuhtechnik stärken und ausbauen müsse. Hinsichtlich der Tendenz, dass die Krankenkassen zunehmend ihre Vertragsverhandlungen an eigens dafür gegründete Gesellschaften übertragen, schlug Ehrle vor, dass auch die Orthopädieschuhtechnik eine eigene GmbH für die Verhandlungen mit den Krankenkassen gründet, um den Kassen mit entsprechender Verhandlungskompetenz auf Augenhöhe begegnen zu können.
 
Alf Reuter. Foto: C. Maurer FachmedienGemeinsam Lösungen entwickeln
In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die Nachwuchsgewinnung nicht nur in der Orthopädieschuhtechnik ein Problem ist. Auch in der Orthopädietechnik sei die Nachwuchsgewinnung ein großes Thema, erklärte Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes Orthopädietechnik, der bei der anschließenden Podiumsdiskussion zu Gast war. Der BIV-OT unterstütze diese nicht nur mit entsprechendem Informationsmaterial, so Reuter, sondern engagiere sich auch dabei, den Nachwuchs im Handwerk zu halten. Das geschehe zum Beispiel durch die Sommerakademie an der BUFA in Dortmund und durch ein eigenes Kongressprogramm auf der OT-World. Das Problem sei aber, die Lehrlinge, überhaupt zu gewinnen. Er ermunterte dazu, sich in der Nachwuchswerbung offensiv zum Handwerk zu bekennen. „Der größte Fehler ist, das Handwerk zu verstecken“, erklärte er. Man müsse das Handwerk ausdrücklich bewerben und die Perspektiven aufzeigen, die es im Handwerk gibt – nicht zuletzt die Chance, sich selbstständig zu machen und einen eigenen Betrieb zu führen. Mit dieser Aussage war Reuter im Einklang mit Hans-Peter Wollseifer, der forderte, deutlich zu machen, dass ein Handwerksberuf die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist. Auch Philip Zech, Obermeister der Innung Berlin, befürwortet die handwerkliche Arbeit in der Nachwuchswerbung herauszustellen. Die handwerkliche Tätigkeit sei für viele immer noch die wesentliche Motivation, den Beruf zu ergreifen – vor allem bei jungen Frauen. Das Handwerk als Kernkompetenz mit einer zusätzlichen Ausrichtung auf die Dienstleistung am Patienten, so sieht Gerold Elkemann die Entwicklung des Berufes. Dass man gerade auch die Dienstleistung mehr in den Vordergrund stellen muss, bekräftigte Martin Spelz, Obermeister der Innung Saarland. Die Orthopädieschuhmacher müssten ihre Leistungen besser verkaufen. Die Kompetenz in der Beratung und biomechanische Analysen müssten mehr in den Vordergrund gestellt und auch honoriert werden. Gerade in der Beratung sieht Stephan Jehring noch großes Potenzial für die Orthopädieschuhtechnik. Viele Ärzte seien in Technischer Orthopädie nicht mehr ausgebildet. Das sei auch eine Chance für die Orthopädieschuhtechnik, mit Beratung zum geeigneten Hilfsmittel gegenüber den Patienten und den Ärzten zu punkten. Es war ein Auftakt, um sich über die wichtigen Dinge im Handwerk auszutauschen, beschloss Stephan Jehring die Veranstaltung. Wichtig sei, dass man im Dialog bleibe, die Themen weiter diskutiere und gemeinsam nach Lösungen suche.
 
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