25. November 2016

Rückenschmerzen: Bildgebende Verfahren oft vermeidbar

Stasique/fotolia

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Jeder fünfte gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. 27 Prozent davon suchen sogar vier Mal oder öfter einen Arzt auf. Von den jährlich mehr als 38 Millionen rückenschmerzbedingten Besuchen bei Haus- oder Fachärzten und den dabei veranlassten sechs Millionen Bildaufnahmen wären viele vermeidbar, meint die Studie Faktencheck Rücken der Bertelsmann Stiftung. Sie fordert die Ärzte dazu auf, mehr zu reden, statt zu röntgen.

Jeder Zweite (52 Prozent) ist davon überzeugt, dass man bei Rückenschmerzen immer einen Arzt aufsuchen muss. 60 Prozent der Bevölkerung erwarten außerdem schnellstens eine bildgebende Untersuchung. 69 Prozent sind der Meinung, dass der Arzt durch Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen die genaue Ursache des Schmerzes findet. Ein Trugschluss: Ärzte können gerade einmal bei höchs­tens 15 Prozent der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Die meisten Bilder verbessern oft also weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen.

Ärzte weichen oft von wissenschaftlichen Empfehlungen ab
Die falschen Erwartungen der Patienten rücken Ärzte häufig nicht zurecht. Dadurch komme es neben übermäßig vielen Arztbesuchen auch zu unnötig vielen Bildaufnahmen, meint die Bertelsmann-Studie. 2015 haben Ärzte über sechs Millionen Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen vom Rücken veranlasst. „Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet. Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann sogar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen“, betont Prof. Dr. Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald und medizinischer Experte für den Faktencheck. Die bildgebende Diagnostik erfolge zudem oft vorschnell. Bei 22 Prozent wurde eine Aufnahme vom Rücken bereits im Quartal der Erstdiagnose angeordnet. Bei jedem zweiten Betroffenen wurde ein Bild veranlasst, ohne vorher einen konservativen Therapieversuch, zum Beispiel mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie, unternommen zu haben.

85 Prozent der akuten Rückenschmerzen gelten als medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch. Ärztliche Leitlinien empfehlen bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe (beispielsweise Wirbelbrüche oder Entzündungen), körperliche Aktivitäten so weit wie möglich beizubehalten, Bettruhe zu vermeiden und keine bildgebende Diagnostik durchzuführen. Ärzte weichen von diesen Empfehlungen jedoch häufig ab, so die Studie. So wird 43 Prozent der Betroffenen Ruhe und Schonung empfohlen. Zudem verstärken

Ärzte oft das Krankheitsgefühl der Betroffenen, anstatt sie zu beruhigen. 47 Prozent der Betroffenen wird vermittelt, dass der Rücken „kaputt“ oder „verschlissen“ sei. „Ärzte müssen falsche Kenntnisse und Erwartungen von Patienten korrigieren. Nur so werden sie ihrem eigenen Anspruch als vertrauenswürdige Experten gerecht“, so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Regionale Unterschiede
Betroffene mit Rückenschmerzen gehen in Berlin oder Bayern viel häufiger zum Arzt als in Hamburg, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Die Zahl der Behandlungsfälle pro 1000 Versicherten und Jahr variiert auf Bundeslandebene zwischen 370 in Hamburg und 509 in Berlin. Auf Kreisebene gibt es Unterschiede um mehr als das Doppelte. Auch Ärzte agieren regional sehr unterschiedlich: Zwischen den Bundesländern variieren die Verordnungen von Röntgen-, CT-, und MRT-Aufnahmen um bis zu 30 Prozent. In manchen Stadt- und Landkreisen werden sogar doppelt so viele Aufnahmen veranlasst wie anderswo.

Mehr reden statt röntgen
„Die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient müssen wieder mehr Gewicht erhalten“, fordert Mohn. Dafür bedürfe es Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. So müssten Gespräche im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden.

Die Studie
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat das Institut für angewandte Gesundheitsforschung (InGef) Analysen zu Behandlungsfällen und zum Ausmaß der Bildgebung aufgrund von Rückenschmerzen durchgeführt. Datengrundlage sind anonymisierte, repräsentative Daten von mehr als sieben Millionen Versicherten aus circa 70 gesetzlichen Krankenversicherungen. Zudem wurde mit TNS EMNID eine repräsentative Befragung zum Thema Rückenschmerzen durchgeführt.