21. November 2017

Erstklässler fitter als gedacht

Christian Schwier/fotolia

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Übergewicht bei Kindern wird oft auf zu wenig Bewegung zurückgeführt. Doch wie steht es um den Sport bei Grundschülern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) belegte in einer Studie, dass die Schüler in den letzten zehn Jahren nicht an Kraft einbüßten, während die Schnelligkeit und Gleichgewichtsfähigkeit sogar zunahm. Lediglich bei der Ausdauer verschlechterte sich die Leistung, allerdings auch nur bei den Jungen.

„Entgegen des meist negativen Tenors bisheriger Studien konnten wir nachweisen, dass sich bei Erstklässlern mit Blick auf die sportmotorische Leistungsfähigkeit in den vergangenen zehn Jahren in Summe keine Verschlechterung ergeben hat“, erklärt Filip Mess, Professor für Sport- und Gesundheitsdidaktik an der Technischen Universität München (TUM). Bisherige Studien seien deshalb zu hinterfragen.

Mess und seine Mitarbeiterin Dr. Sarah Spengler analysierten einen Datensatz von Fitnesstests mit insgesamt 5.001 Erstklässlern. In den Jahren 2006 bis 2015 wurden im Raum Baden-Baden jährlich rund 500 Erstklässler untersucht. Sämtliche der 18 Grundschulen der Region beteiligten sich an dem Projekt, das durch die Sportstiftung Kurt Henn gefördert wurde. Untersucht wurden neben der Ausdauerleistung (6-Minuten-Lauf) die Kraft (Liegestütze), die Schnelligkeit (20-Meter-Sprint) und die Gleichgewichtsfähigkeit (Balanceübung).

„Bei diesen vier Tests zeigte sich eine nachweisbare Verschlechterung lediglich bei der Ausdauerleistung von Jungen. Bei Mädchen blieb diese dagegen konstant. Die Schnelligkeit und die Gleichgewichtsfähigkeit sind bei beiden Geschlechtern sogar besser geworden“, resümiert Spengler.

Besonderheit des Studiendesigns: Jährlich wurden Daten erhoben
Im Vergleich zu bisherigen Forschungsprojekten weist das Studiendesign eine besondere Qualität auf: „Die Untersuchungen wurden in jedem der zehn Jahre durchgeführt, während bisherige Projekte zumeist nur zwei Messzeitpunkte verwendeten, die dann beispielsweise im Abstand von zehn Jahren liegen. Das Problem ist, dass ein solches Forschungsdesign anfällig für Verzerrungen ist“, erläutert Mess. So könnte beispielsweise in einem Jahr eine eher unsportliche Klasse untersucht werden und im nächsten eine recht sportliche – das Ergebnis würde zu Unrecht pauschalisiert.

Die zweite Besonderheit sei die Tatsache, dass sämtliche der 18 Grundschulen in der Region sich an der Studie beteiligten. Verzerrungen durch einen zu großen Anteil städtischer oder regionaler Teilnehmer entfallen somit. „Für die Region Baden-Baden sind die Daten repräsentativ“, sagt Mess. Allerdings lassen sich die Daten nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragen, so Mess weiter. Denn die eher wohlhabende und ländliche Region Baden-Baden unterscheide sich möglicherweise von anderen Regionen Deutschlands. Die Ergebnisse sollten aus seiner Sicht daher ein Anstoß sein, um für künftige Aussagen über langfristige Entwicklungen der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern ähnliche Forschungsdesigns zu verwenden. So sollen beispielsweise in Hessen sportmotorische Untersuchungen für jeden Grundschüler eingeführt werden.

Spengler betont: „Wir konnten zeigen, dass sich bei den vier Tests lediglich die Jungs in Bezug auf die Ausdauerleistung signifikant verschlechtert haben. Trotzdem darf dies kein Anlass für Schulterklopfen sein. Denn die Daten sagen nicht aus, dass die Leistungen der Kinder auch tatsächlich gut sind. Sie sind halt nur nicht schlechter geworden.“ Gerade in Bezug auf Bewegung bestünden weiterhin große Herausforderungen, sagt Spengler.