09. Juli 2021

Ab in die Selbstständigkeit – vom Start in einen neuen Lebensabschnitt

Ingra Wegner hat sich 2018 in ihrer Heimatstadt Stade selbstständig gemacht. Zuvor arbeitete sie unter anderem in der Kostümabteilung der Hamburger Staatsoper und als Lehrerin für angehende Orthopädieschuhmacher in Tokio. Foto: Ingra Wegner
CHRISTINA BAUMGARTNER
 

Orthopädieschuhmachermeisterin Ingra Wegner führt seit 2018 ihren eigenen Betrieb in Stade: Damit hat sie ihre berufliche Erfüllung gefunden. Trotz aller Schwierigkeiten in der Anfangszeit – ihre Entscheidung für die Selbstständigkeit hat sie nie bereut.

Bei der Frage, was sie bei einer Gründung heute anders machen würde, muss Ingra Wegner nicht lange überlegen: „Nichts“, lautet die Antwort, „ich würde mich aber schon früher selbstständig machen“. Dabei hat die 42-Jährige vor ihrer Selbstständigkeit beruflich bereits einiges ausprobiert: Nach ihrer Meisterprüfung, die sie mit 25 Jahren ablegte, zog es sie zunächst nach Hamburg, wo sie in der Kostümabteilung der Hamburger Staatsoper arbeitete. Nach weiteren beruflichen Stationen im Norden Deutschlands und einer Tätigkeit als Lehrerin für angehende Orthopädieschuhmacher in Japan (siehe Orthopädieschuhtechnik 12/2018), packte sie schließlich die Gelegenheit beim Schopf und machte sich selbstständig. Als sie nach 1,5 Jahren in Tokio in ihre Heimatstadt Stade zurückkam, war für die Orthopädieschuhmachermeisterin klar, dass sie in der niedersächsischen Kreisstadt gründen würde – hier hatte sie bereits bei mehreren Firmen gearbeitet und Kontakte zu Ärzten und Kunden. 2016 begann sie nach geeigneten Räumlichkeiten zu suchen. „Diese zu finden, war gar nicht so einfach“, erzählt Ingra Wegner. Bauliche Anforderungen für die Präqualifizierung verkomplizierten die Suche, deshalb entschied sie sich letztendlich für einen Neubau im noch jungen Stadtteil Riensförde. „Das war einfach am besten geeignet“, meint die heutige Betriebsinhaberin, die Räume im Erdgeschoss konnte sie gemeinsam mit dem Architekten entsprechend planen und einrichten. Auch die Nähe zu Altenheim und Apotheke schien optimal. Nach der langen Suche konnte Ingra Wegner dann am 1. März 2018 mit der Eröffnung ihres eigenen Betriebes in die Selbstständigkeit starten – der Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Auf Wunsch fertigte Ingra Wegner vor kurzem diese Schuhe aus rotem Boaleder für eine Kundin an. Foto: Ingra WegnerZuhören und Wünsche erfüllen

Heute befinden sich auf 140 Quadratmetern die Werkstatt, zwei Maßräume und ein Empfangsbereich plus Sozialraum. Mittendrin Ingra Wegner, die orthopädische Maßschuhe und Einlagen anfertigt, Sicherheitsschuhe zurichtet, Schuhreparaturen durchführt und ihre Entscheidung – für Räumlichkeiten und Selbstständigkeit – bis heute nicht bereut hat. Die Kunden kommen hauptsächlich aus Stade und Umgebung, aber auch aus der ländlichen Gegend bis Cuxhaven, erzählt sie. Was sie selbst etwas überrascht habe: Etliche, gerade ältere Menschen, nutzen die gute Busanbindung – denn nicht nur Parkplätze, sondern auch eine Bushaltestelle befinden sich fast direkt vor der Eingangstür. Zu Beginn ihrer Selbstständigkeit schaltete sie zunächst einmal eine Anzeige in der regionalen Tageszeitung. „Mit der Zeit kamen immer mehr Kunden, vieles lief über Mund-zu-Mund-Propaganda“, erinnert sich Ingra Wegner. Schnell sprach sich herum, dass sie ein offenes Ohr für die Wünsche ihrer Kunden hat und auch für außergewöhnliche Ideen offen ist. „Neulich war eine Kundin da, die nach rotem Boaleder fragte – bei Schuhgröße 44/45. Den Wunsch haben wir auch umgesetzt“, erzählt Ingra Wegner. „Solche Aufträge machen auch einfach mehr Spaß als Schuhe, die dem Anspruch ‚schwarz, schlicht, bloß nicht auffallen‘ entsprechen sollen.“ Wünsche erfüllen und dabei das oft etwas „verstaubte“ Image und Bild der Orthopädieschuhtechnik in den Köpfen verändern – das ist Ingra Wegner besonders wichtig. „Jeder Fuß, jeder Kunde ist anders. Ich versuche Lösungen zu finden, die die Kunden zufriedenstellen und gleichzeitig orthopädisch sinnvoll sind“, beschreibt sie ihre Arbeit. Intensiv zu beraten, aufzuklären und Fragen zu beantworten ist für sie selbstverständlich: „Dass jemand zuhört – das ist es doch, was den Menschen oft am meisten fehlt.“ Und nicht nur für die Kunden sind die Gespräche von großer Bedeutung, auch Ingra Wegner selbst zieht daraus Positives: „Die Rückmeldung gibt mir viel“, sagt sie. Zur ausführlichen Beratung gehört für sie auch die offene Werkstatt in ihrem Betrieb, in der die Kunden einen Einblick in die handwerkliche Fertigung erhalten und zusehen können, wie ihre Schuhe oder Einlagen hergestellt werden. Seit eineinhalb Jahren ergänzt zudem auch ein kleiner Bereich mit Schuhen der Marke „FinnComfort“ ihr Angebot, um ein paar Modelle vor Ort zeigen zu können – alles andere wird auf Wunsch bestellt.  

„Ich dachte anfangs immer: Ich will doch einfach nur arbeiten“

Dabei war die Selbstständigkeit auch für die Orthopädieschuhmachermeisterin zu Beginn nicht immer einfach: „Es gab so viele Auflagen. Die Buchführung, das Kassensystem, Kostenvoranschläge erstellen: Alles war neu“. Inzwischen habe sie sich aber gut eingearbeitet. Bis vor einem Dreivierteljahr war Ingra Wegner noch alleine für alle anfallenden Arbeiten in ihrem Betrieb zuständig – von der Annahme bis zur Werkstatt. Da der Arbeitsaufwand mit der Zeit aber einfach zu groß wurde, kam im September eine Auszubildende dazu. „Eigentlich hätte ich auch gerne eine Gesellin oder einen Gesellen eingestellt“ erzählt die 42-Jährige, aber der Fachkräftemangel machte sich bemerkbar, es gab nur wenige Bewerber. Aktuell sei sie zwar nicht mehr aktiv auf der Suche, meint aber: „Wenn der passende Geselle kommt, würde ich nicht nein sagen“. 

Von Whatsapp zu Instagram

Die Vorteile der Selbstständigkeit habe sie mit der Zeit zu schätzen gelernt – beispielsweise mehr Flexibilität und die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung. Und auch im Hinblick auf die Corona-Pandemie habe sie viel Glück gehabt, erzählt Ingra Wegner. Über einen Zeitraum von vier Wochen im Frühjahr vergangenen Jahres seien zwar weniger Kunden gekommen, zu der Zeit habe sie aber noch genug mit Aufträgen für orthopädische Maßschuhe zu tun gehabt. „Inzwischen läuft es wieder ganz normal“, so Ingra Wegner, momentan seien die Kunden besonders auf der Suche nach Sommerschuhen. „Ich bin jetzt in der luxuriösen Situation, auch mal Aufträge ablehnen zu können“, beschreibt sie ihre Lage.  Auf den Social-Media-Kanälen möchte sie mit den Kunden künftig mehr in Interaktion treten und ihre dortigen Aktivitäten noch ausbauen. Aktuell nutzt der Betrieb bereits Whatsapp für Mitteilungen, dass die Schuhe bzw. Einlagen fertig sind. „Der große Vorteil daran ist die Zeitersparnis“, erklärt Ingra Wegner, denn telefonisch seien durchaus auch mehrmalige Anrufe nötig, um die Kunden zu erreichen. Künftig soll dann auch ein Instagram-Kanal auf ihren Betrieb aufmerksam machen.

 
 
Seit September 2020 arbeitet neben Ingra Wegner (r.) auch die Auszubildende Kiana Schlichting im Betrieb. Foto: Ingra Wegner
 

Das Wichtigste: Spaß an der Arbeit

 

Dass es Frauen bei Betriebsgründungen schwerer haben, diese Erfahrung hat sie nicht gemacht. Zu Beginn habe sie zwar schon mal Briefe bekommen, in denen sie mit „Herr Ingra Wegner“ angesprochen worden sei. „Das könnte aber auch am ungewöhnlichen Vornamen liegen“, vermutet die Staderin. Ganz unabhängig davon sei ein Businessplan und eine gute Vorbereitung ohnehin das Wichtigste bei einer Gründung, findet die Betriebsinhaberin. Und welche Eigenschaften brauchen Selbstständige nun besonders? „Gründlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ehrgeiz“, meint Ingra Wegner, „eines aber vor allem: Spaß an der Arbeit“.

 
Artikel als PDF herunterladen: