05. Oktober 2020

Schmerzpatienten erhalten oft zu viele Medikamente und zu wenig Bewegungsanreize

Foto: sebra/AdobeStock

Eine Überversorgung mit Medikamenten, zu allgemeine körperlich orientierte Therapieangebote, zu wenig Bewegungsanreize: In der Behandlung von Patienten mit Schmerzen gibt es nach Ansicht von Experten hierzulande momentan große Defizite – das zeigen auch erste Erfahrungen des im Jahre 2018 initiierten Projekts PAIN2020. Dies teilen die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) im Vorfeld des Deutschen Schmerzkongresses mit, der vom 21. bis 24. Oktober online und live in Mannheim stattfindet. 

Die Versorgung von Schmerzpatienten ist nach Ansicht der Experten beider Fachgesellschaften in Deutschland momentan unzureichend. „Die Erkrankten bekommen häufig zu wenig bedarfsgerechte Therapien“, kritisiert Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Ulrike Kaiser vom UniversitätsSchmerzCentrum am Universitätsklinikum Dresden. „Um eine individuelle Behandlung zu ermöglichen, ist es unbedingt erforderlich, dass geltende Leitlinien in der Schmerzmedizin auch adäquat umgesetzt werden. Das ist allerdings leider oft nicht der Fall.“ Nach Ansicht der Psychologin sollten diese Leitlinien unbedingt schon zu Beginn der Schmerzerkrankung möglichst genau auf den jeweiligen Bedarf eines Patienten zugeschnitten werden.

Zentrale Elemente in der Schmerztherapie sind – neben einer medizinisch professionellen und individuellen Begleitung – zielgerichtete Bewegungsangebote. „Häufig werden diese viel zu wenig und zu spät eingesetzt“, bemängelt Kaiser. „Neben medizinischen Aspekten und Aktivierungsangeboten sollten auch psychosoziale Faktoren frühzeitig in der Schmerztherapie Berücksichtigung finden“, so die Expertin. „Wenn diese Elemente gemeinsam einbezogen werden, kann eine gezielte, bedarfsgerechte Therapie am besten wirken.“

Das Projekt PAIN2020
Um die genannten Defizite in der Schmerztherapie zu beheben, wurde von der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. und der Barmer 2018 das Projekt PAIN2020 ins Leben gerufen. Bisher wurden hier mehr als 600 Patienten eingeschlossen. Passend zum diesjährigen Motto des Schmerzkongresses 2020 „Gleich und doch verschieden“ steht die interdisziplinäre Schmerztherapie bei dem Projekt im Mittelpunkt. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Lücke in der Versorgung von Patienten mit Schmerzen und Chronifizierungsrisiko durch einen frühzeitigen interdisziplinären und diagnostischen Ansatz zu schließen“, erläutert Kaiser, die das Projekt auf der Online-Pressekonferenz am 21.Oktober vorstellt.

PAIN2020 ist ein deutschlandweit angelegtes Projekt, an dem aktuell 26 Einrichtungen aus zwölf Bundesländern mitwirken. Die teilnehmenden Patientinnen und Patienten erhalten eine multiprofessionelle Diagnostik aus drei Bausteinen: eine ärztliche, physiotherapeutische und psychologische jeweils einstündigen Befundaufnahme, eine Teamsitzung aller beteiligten Fachbereiche und ein gemeinsames Abschlussgespräch mit dem Patienten. „Hierbei beziehen wir den Schmerzpatienten aktiv ein“, erläutert die Expertin. „Die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten besprechen die Therapiebefunde sorgfältig mit den Betroffenen und stimmen die Versorgung anschließend auf die individuellen Bedürfnisse ab.“ Die Ergebnisse aus solchen Besprechungen werden standardisiert dokumentiert – in einer Form, die für Patienten nachvollziehbar ist.

Die bisherigen Erfahrungen aus PAIN2020 zeigen, dass Haus- und Fachärzten bei der Identifikation von Patienten mit Risikofaktoren für eine Chronifizierung ihrer Schmerzen eine große Bedeutung zukommt, so die beiden Fachgesellschaften. Nach der multiprofessionellen Diagnostik sei es ihre Aufgabe, die Empfehlungen, die frühzeitig zu Beginn der Schmerzerkrankung mit einem Patienten erarbeitet wurden, umzusetzen. Eine gezielte Vernetzung der Schmerzexperten aus den verschiedenen Fachbereichen sei essenziell für den Therapieerfolg.