01. Juni 2021

Herzinfarkt plus Depression gleich Diabetes?

Foto: Rido/AdobeStock

Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben und die in der Nachbeobachtung depressive Symptome entwickeln, besitzen ein erhöhtes Risiko, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken. Zu diesem Schluss kommen Forschende des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm. Die Studie zeige außerdem, dass depressive Symptome nicht nur das Diabetes-Risiko steigern, sondern auch zu weiteren Komplikationen wie einem Zweitinfarkt oder einem Schlaganfall führen können.

In der Studie, die im Fachjournal „Cardiovascular Diabetology“ veröffentlicht wurde, griffen die Wissenschaftler auf Langzeitbeobachtungen von über 1000 Patienten zurück. Sie nutzen dabei Daten der KAROLA-Studie (Langzeiterfolge der KARdiOLogischen Anschlussheilbehandlung), die Herzinfarkt-Patienten über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtete.

Als Auslöser für Diabetes mellitus Typ 2 gelten Übergewicht, zu wenig Bewegung und familiäre Vorbelastung. Die Ausgangsfrage der Ulmer Untersuchung lautete nun, ob sich das Neuerkrankungsrisiko für Diabetes mellitus bei herzkranken Patienten mit depressiver Symptomatik von solchen Patienten ohne Depressionen unterscheidet. Die Forschenden stellten fest, dass bei den Patienten, die im Beobachtungszeitraum Depressionen entwickelten, das Risiko an Diabetes mellitus zu erkranken, zweieinhalbfach erhöht war. „Wir wissen mittlerweile sehr gut, dass depressive Symptome ein Risiko für eine koronare Herzerkrankung darstellen. Neu ist, dass die psychische Erkrankung bei diesen Patienten auch ein Risikofaktor für Diabetes darstellt“, schlussfolgert der Erstautor der Studie, Dr. Raphael Peter.

Chronische Entzündungsprozesse könnten eine Rolle spielen
Außerdem stellten die Wissenschaftler fest, dass bei den Betroffenen mit Diabetes auch die Gefahr für erneute kardiovaskuläre Komplikationen, wie einen Zweitinfarkt oder Schlaganfall bis hin zum frühzeitigen Tod, erhöht war – und zwar um den Faktor 6,5. Als Ursache für dieses Zusammenspiel könnten chronische Entzündungsprozesse im Körper infrage kommen. „Solche Entzündungsprozesse spielen sowohl bei Diabetes mellitus als auch bei depressiven Erkrankungen eine wichtige Rolle und könnten auch diesen Zusammenhang zwischen Diabetes und Depression erklären“, so Institutsdirektor Prof. Dietrich Rothenbacher.

Als Folgerung aus ihrer Untersuchung fordern die Autoren der Studie, in der Nachsorge von Herzinfarkt-Patienten auch die psychische Verfassung zu berücksichtigen. Es gebe wirkungsvolle therapeutische Strategien wie psychotherapeutische Behandlung oder Medikamente, um die Genesenden zu unterstützen. Wichtig sei vor allem auch regelmäßige, vermehrte körperliche Aktivität zur Beseitigung der Depressionssymptome und zur Besserung der Erkrankung. Und diese würde letztlich auch dem Herz und den Gefäßen guttun.

Originalpublikation:
Raphael S. Peter, Andrea Jaensch, Ute Mons, Ben Schöttker, Roman Schmucker, Wolfgang Koenig, Hermann Brenner and Dietrich Rothenbacher: Prognostic value of long-term trajectories of depression for incident diabetes mellitus in patients with stable coronary heart disease. Cardiovascular Diabetology 20, 108 (2021). https://doi.org/10.1186/s12933-021-01298-3