14. Juli 2021

Dritter Mehrkostenbericht des GKV-Spitzenverbandes erschienen

Foto: Jürgen Fälchle/AdobeStock

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Der GKV-Spitzenverband hat dem Bundesministerium für Gesundheit seinen dritten Mehrkostenbericht vorgelegt. Wieder verweist er darauf, dass sich Mehrkosten für Hilfsmittel auf einige wenige Produktgruppen verteilen. Neben Hörhilfen stehen auch Einlagen stark im Fokus – der GKV-Spitzenverband plädiert dafür, Produktgruppen mit hohen und häufigen Mehrkosten weiter zu beobachten. Er fordert eine rechtliche Grundlage dafür, dass Leistungserbringer auch qualitative Daten liefern müssen. Ziel sei, auf die Gründe schließen zu können, aus denen sich Versicherte für Versorgungen mit Mehrkosten entscheiden.

Mehrkosten bei jedem fünften Hilfsmittel
Für den diesjährigen Mehrkostenbericht wurden rund 95 Prozent der Abrechnungsdaten von Versorgungsfällen der verschiedenen Kassenarten aus dem Jahr 2020 ausgewertet. Insgesamt handelt es sich um 28 Millionen Hilfsmittelversorgungen mit einem Ausgabevolumen der Krankenkassen von rund 9 Milliarden Euro.

Über alle Produktgruppen hinweg wurden bei rund 5,7 Millionen Hilfsmittelversorgungen Mehrkosten dokumentiert. Das entspricht einem Anteil von ca. 20 Prozent an allen Hilfsmittelversorgungen. Die Summe aller dokumentierten Mehrkosten betrug rund 746 Millionen Euro, die durchschnittliche Höhe der angefallenen Mehrkosten lag bei 132 Euro. Dabei ist die Bandbreite der Mehrkostenhöhe außerordentlich groß, betont der GKV-Spitzenverband. Lag sie im vergangenen Jahr bei Hörhilfen bei durchschnittlich 1.234,28 Euro, waren es bei Einlagen Mehrkosten von 32,40 Euro und bei Toilettenhilfen 48,23 Euro. 

Mehrkosten bei Einlagen
Die Produktgruppe 08 „Einlagen“ steht im Hinblick auf die Zahl der Versorgungsfälle, die Zahl der Versorgungsfälle mit Mehrkosten und den Anteil der Versorgungsfälle mit Mehrkosten laut Mehrkostenbericht weiterhin an erster Stelle. Im Untersuchungszeitraum wurden ca. 4,4 Mio. Versicherte mit Einlagen versorgt. Bei den Leistungsausgaben belegt diese Produktgruppe mit ca. 482 Mio. Euro unverändert Rang 9. Sowohl 2019 als auch 2020 wurden bei annähernd 53 % der Versorgungsfälle dieser Produktgruppe Mehrkosten erfasst. Die durchschnittliche Höhe der Mehrkosten je Versorgungsfall beträgt ca. 32,4 Euro (2019: 29,6 Euro).

Während die Leistungsausgaben der GKV für Einlagen und die Ausgaben je Versicherten im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind, war die Zahl der Versorgungsfälle im Jahr 2020 deutlich niedriger. Die Mehrkosten insgesamt sind gesunken. Da aber auch die Zahl der Versorgungsfälle, in denen Mehrkosten gezahlt wurden, zurückgegangen ist, hat sich der Betrag der durchschnittlich gezahlten Mehrkosten faktisch leicht erhöht, erklärt der GKV-Spitzenverband.

Er weist darauf hin, dass in den Untersuchungszeitraum die Anhebung der Festbeträge für Einlagen um rund 13 % mit Wirkung zum 01.04.2020 fiel. Zudem wurde die Produktgruppe 08 (Einlagen) des Hilfsmittelverzeichnisses fortgeschrieben. "Erwartbar wäre eine Absenkung der Mehrkosten, dies ist jedoch nicht feststellbar", kritisiert der GKV-Spitzenverband im Mehrkostenbericht.

Der GKV-Spitzenverband verweist erneut auf Versichertenbefragungen, die er bereits im zweiten Mehrkostenbericht herangezogen hatte, und zieht daraus Schlüsse, die sich durchaus als Annahme des Verbandes lesen lassen, dass die Leistungserbringer die Versicherten nicht genügend über die Mehrkosten aufklären würden: „Im Ergebnis waren die Versicherten mit den Versorgungen überwiegend zufrieden. Allerdings wurde die Beratung – insbesondere auch über mehrkostenfreie Versorgungsmöglichkeiten – teilweise nicht als ausreichend angesehen. Ferner fehlte häufig die Kenntnis und Information über den Unterschied zwischen gesetzlicher Zuzahlung und Mehrkosten. Die Ergebnisse werden durch aktuelle Befragungen bestätigt. In einer Befragung wurden zudem deutliche Abweichungen der in diesem Rahmen ermittelten Höhe der Mehrkosen gegenüber den von den Leistungserbringern nach § 302 SGB V übermittelten Daten festgestellt“, heißt es im Mehrkostenbericht.

Mehrkosten bei Hilfsmitteln zur Kompressionstherapie
Im Untersuchungszeitraum wurden ca. 2,8 Mio. Versicherte mit Hilfsmitteln zur Kompressionstherapie versorgt, womit diese Produktgruppe bei der Anzahl der Versorgungsfälle unverändert Rang 3 einnimmt. Bei den Leistungsausgaben belegt diese Produktgruppe mit ca. 594,9 Mio. Euro Rang 8 (2019: Rang 7). Für 31,8 % (2019: 31 %) der Versorgungsfälle dieser Produktgruppe wurden dabei Mehrkosten erfasst. Die durchschnittliche Höhe der Mehrkosten je Versorgungsfall beträgt 28,2 Euro (2019: 25,2 Euro).

Laut Mehrkostenbericht ist für diese Produktgruppe im Jahr 2020 eine Steigerung der gesamten Leistungsausgaben der GKV und der Leistungsausgaben je Versorgungsfall festzustellen. Die Zahl der Versorgungsfälle ist demgegenüber zurückgegangen. Die Mehrkosten sind wie die Leistungsausgaben der GKV gestiegen, während die Zahl der Versorgungsfälle mit Mehrkosten rückläufig war. Hieraus ergibt sich der etwas höhere Betrag der durchschnittlich gezahlten Mehrkosten im Jahr 2020.

Der GKV-Spitzenverband weist darauf hin, dass in den Untersuchungszeitraum die Anhebung der Festbeträge für Hilfsmittel zur Kompressionstherapie mit Wirkung zum 01.04.2020 fiel. "Als Folge wäre anzunehmen, dass die durchschnittliche Höhe der Mehrkosten je Versorgungsfall gesunken wäre, das Gegenteil ist jedoch der Fall", so der Verband.

Bandagen
Im Untersuchungszeitraum wurden ca. 1,9 Mio. Versicherte mit Bandagen versorgt, womit diese Produktgruppe bei der Anzahl der Versorgungen ebenso wie im Jahr 2019 Rang 5 einnimmt. Bei den Leistungsausgaben belegt diese Produktgruppe mit 136,6 Mio. Euro unverändert Rang 13. Für 23 % (2019: 21 %) der Versorgungsfälle dieser Produktgruppe wurden dabei Mehrkosten erfasst. Die durchschnittliche Höhe der Mehrkosten je Versorgungsfall beträgt ebenso wie im Jahr 2019 ca. 19 Euro. Während diese Kennzahlen keine größeren Abweichungen aufweisen, ist bei den Leistungsausgaben und der Zahl der Versorgungsfälle ein Rückgang im Untersuchungszeitraum festzustellen. Dies dürfte mit der Coronasituation zu erklären sein, so der GKV-Spitzenverband.

Orthesen
Im Untersuchungszeitraum wurden wie im Vorjahr ca. 3,2 Mio. Versicherte mit Orthesen (auch Schienen) versorgt, womit diese Produktgruppe bei der Anzahl der Versorgungsfälle weiterhin Rang 2 einnimmt. Bei den Leistungsausgaben belegt diese Produktgruppe mit 802,0 Mio. Euro unverändert Rang 3. Zu verzeichnen ist ein leichter Anstieg der Ausgaben bei einem leichten Rückgang der Versorgungsfälle.Für 10,4 % (2019: 9,2 %) der Versorgungfälle dieser Produktgruppe wurden dabei Mehrkosten erfasst. Die durchschnittliche Höhe der Mehrkosten je Versorgungsfall beträgt unverändert etwas mehr als 19 Euro.

GKV-Spitzenverband will Produktgruppen mit hohen Mehrkosten im Auge behalten
Das Ergebnis, dass nach wie vor ca. 80 Prozent der Versorgungsfälle nicht mit Mehrkosten verbunden sind, sei durchaus als positiverTrend zu sehen, so der GKV-Spitzenverband. Kritisch zu bewerten sei allerdings, dass die Höhe der durchschnittlichen Mehrkosten je Versorgungsfall gegenüber 2019 von durchschnittlich ca. 117,8 Euro auf 131,9 Euro gestiegen ist. Außerdem betont der GKV-Spitzenverband, dass sich das Ausmaß der Mehrkosten nach wie vor auf bestimmte Produktgruppen konzentriert, die es weiterhin zu beobachten gelte. 

Der GKV-Spitzenverband weist darauf hin, dass die erhobenen Daten nach wie vor keine Erkenntnisse liefern, weshalb sich Versicherte für ein Hilfsmittel mit Mehrkosten entscheiden. Er fordert daher eine Rechtsgrundlage, wonach auch qualitative Daten von Leistungserbringenden zu liefern sind, "um im Falle von Fehlentwicklungen gezielte Maßnahmen ergreifen zu können. Anhand dieser Daten sollen Rückschlüsse getroffen werden, aus welchen Gründen sich Versicherte zum Abschluss von Mehrkostenvereinbarungen entschieden haben", teilt der GKV-Spitzenverband mit.

"Wir wollen, dass die Entscheidung für oder gegen eine Versorgung mit Mehrkosten bewusst gefällt wird. Diese Entscheidung darf nicht durch eine interessengeleitete Beratung dahingehend beeinflusst werden, sich für Hilfsmittel zu entscheiden, die mit Mehrkosten verbunden sind“, so Gernot Kiefer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes.

Zum dritten Mehrkostenbericht gelangen Sie hier.