12. Januar 2022

Coronapandemie dämpft Anstieg der tariflichen Ausbildungsvergütungen

Zumindest bei den tariflichen Löhnen kommen Auszubildende der Orthopädieschuhtechnik in den ausgewerteten Berufen am schlechtesten weg. (Foto: weyo/AdobeStock)

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Die tariflichen Ausbildungsvergütungen in Deutschland sind 2021 im Vergleich zum Vorjahr im bundesweiten Durchschnitt um 2,5 % gestiegen. Der Vergütungsanstieg lag damit in etwa auf dem Vorjahresniveau (2,6 %), fiel aber deutlich schwächer aus als in den Jahren vor Beginn der Coronapandemie. Die Höhe der Ausbildungsvergütung ist je nach Beruf sehr unterschiedlich. Die höchste Ausbildungsvergütung wird im Beruf Zimmerer gezahlt, die niedrigste in der Orthopädieschuhtechnik. 

Die Auszubildenden (über alle Branchen gesehen) erhielten 2021 im Durchschnitt über alle Ausbildungsjahre tarifliche Vergütungen in Höhe von 987 Euro brutto im Monat. Für Auszubildende in Westdeutschland ergab sich mit 989 Euro ein leicht höherer Durchschnittswert als für ostdeutsche Auszubildende mit 965 Euro. In Ostdeutschland wurden somit 98 Prozent der westdeutschen Vergütungshöhe erreicht. Dies sind die zentralen Ergebnisse der Auswertung der tariflichen Ausbildungsvergütungen für das Jahr 2021 durch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Coronakrise wirkt sich aus
Zwischen 2012 und 2019 waren mit Ausnahme des Jahres 2017 stets Anstiege von deutlich über drei Prozent zu verzeichnen. Während der Coronapandemie wurden Tarifverhandlungen teilweise verschoben. Häufig standen auch die Beschäftigungssicherung und die Abmilderung der Folgen der wirtschaftlichen Einschränkungen stärker im Blickpunkt als Lohnsteigerungen. Dies hatte eine dämpfende Wirkung auf die Höhe der Tarifabschlüsse. Zugleich kam es durch den Rückgang bei der Zahl der Neuabschlüsse von Ausbildungsverträgen 2020 zu Verschiebungen in der Zahl der Auszubildenden in den einzelnen Ausbildungsjahren sowie zwischen weniger und stärker von der Pandemie betroffenen Branchen. Bei der Durchschnittsberechnung über alle Ausbildungsjahre haben daher zum Beispiel Auszubildende im zweiten bis vierten Ausbildungsjahr ein höheres Gewicht als in den Vorjahren.

Niedrigste Ausbildungsvergütung in der Orthopädieschuhtechnik
Die im gesamtdeutschen Durchschnitt höchsten tariflichen Ausbildungsvergütungen wurden im Beruf Zimmerer/Zimmerin mit monatlich 1.251 Euro gezahlt. In insgesamt 17 Berufen lagen die tariflichen Vergütungen im Durchschnitt über alle Ausbildungsjahre über 1.100 Euro. Hier finden sich vor allem Berufe aus dem Baugewerbe wie Maurer/-in (1.196 Euro) oder Straßenbauer/in (1.177 Euro), aber auch kaufmännische Berufe wie Bankkaufmann/-frau (1.138 Euro) oder Kaufmann/frau für Versicherungen und Finanzen (1.135 Euro). Insgesamt erhielt rund die Hälfte der Auszubildenden, die in einem tarifgebundenen Betrieb lernten, 2021 eine Ausbildungsvergütung von mehr als 1.000 Euro, sieben Prozent sogar mehr als 1.200 Euro.

Bei 16 Prozent der Auszubildenden lagen die tariflichen Ausbildungsvergütungen 2021 unterhalb von 800 Euro. Für 22 Berufe wurde ein bundesweiter Durchschnittswert von weniger als 800 Euro ermittelt. Die meisten dieser Berufe gehörten zum Handwerk wie Tischler/-in (786 Euro), Glaser/-in (777 Euro), Bäcker/-in (744 Euro) und Friseur/-in (650 Euro). Die insgesamt niedrigsten tariflichen Ausbildungsvergütungen gab es mit 637 Euro im Beruf Orthopädieschuhmacher/-in (unterhalb von 700 Euro lagen vier Handwerksberufe). 

In der Orthopädieschuhtechnik wurden in Westdeutschland im ersten Ausbildungsjahr durchschnittlich 450 Euro gezahlt, im zweiten 540 Euro, im dritten 705 Euro und im vierten 823 Euro (Durchschnitt 632 Euro). In Ostdeutschland waren es im ersten Ausbildungsjahr 580 Euro, im zweiten 680 Euro, im dritten 760 Euro und im vierten 850 Euro (Durchschnitt 733 Euro).

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung, die ebenfalls über die Ergebnisse der BIBB-Analyse berichtete, erklärte ZVOS-Präsident Stephan Jehring: "Die Betriebe zahlen deutlich mehr als da steht, sonst würden sie niemanden finden." Felix Wenzelmann, Wissenschaftler am BIBB, weist im Artikel der SZ darauf hin, dass es sich bei der Orthopädieschuhtechnik um eine kleine Branche mit alten Tarifverträgen handele. 

Zwischen den Ausbildungsbereichen unterschieden sich die Ausbildungsvergütungen ebenfalls deutlich. Über dem gesamtdeutschen Durchschnitt von 987 Euro lagen die tariflichen Ausbildungsvergütungen im öffentlichen Dienst (1.095 Euro) sowie in Industrie und Handel (1.039 Euro), darunter in der Landwirtschaft (936 Euro), im Bereich der freien Berufe (911 Euro) und im Handwerk (882 Euro). Im Vergleich zum Jahr 2020 stiegen im Handwerk (+3,8 %) und in der Landwirtschaft (+4,2 %) die Ausbildungsvergütungen stärker an als im Gesamtdurchschnitt (+2,5 %).

Ehemaliges Schlusslicht rückt auf
Im Vergleich zum Jahr 2020 wurden die höchsten Anstiege der Ausbildungsvergütung für zwei Handwerksberufe ermittelt: Im Beruf Schornsteinfeger/-in, der im Vorjahr noch die insgesamt niedrigste Vergütung aller Berufe aufwies, betrug der Zuwachs rund 20 Prozent (von 599 Euro auf 719 Euro). Noch deutlicher fiel er im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk mit über 50 Prozent aus – hier wurden in den Tarifverhandlungen 2021 für alle Ausbildungsjahre Erhöhungen von deutlich über 300 Euro vereinbart. Dies führte dazu, dass im Durchschnitt über alle Ausbildungsjahre die tarifliche Ausbildungsvergütung nun bei 968 Euro liegt (2020: 628 Euro).

Seit 1976 wertet das BIBB die tariflichen Ausbildungsvergütungen jährlich zum Stichtag 1. Oktober aus. In die Berechnung der Durchschnittswerte für Gesamtdeutschland sowie für Ost- und Westdeutschland fließen alle Ausbildungsberufe ein, für die Daten zu tariflichen Ausbildungsvergütungen vorliegen. In der BIBB-Datenbank "Tarifliche Ausbildungsvergütungen" (www.bibb.de/ausbildungsverguetung) werden Durchschnittswerte für 173 Berufe in West- und 115 Berufe in Ostdeutschland ausgewiesen.

Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse durch das BIBB findet sich hier.