27. April 2022

Chronisch Kranke: Je stärker die Einschränkungen, desto geringer der Glaube an die Selbstwirksamkeit

Foto: Rido/Adobe Stock

Patienten mit chronischen Erkrankungen bzw. dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben zunehmend Probleme, ihre Krankheit und die Auswirkungen zu kontrollieren. Gleichzeitig sinkt auch das Vertrauen in die eigenen Einflussmöglichkeiten auf den Verlauf der Erkrankung und in Vorsorge-Möglichkeiten. Das hat eine aktuelle Auswertung einer Studie der Stiftung Gesundheitswissen ergeben.

Zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach hat die Stiftung in einer Umfrage den Blick speziell auf Menschen mit chronischen Erkrankungen gerichtet. Untersucht wurden unter anderem die Einschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit und das Präventionsverhalten der Erkrankten.

Mehr als die Hälfte der befragten Menschen mit chronischen Erkrankungen hat angegeben, ihre Krankheit im Großen und Ganzen gut im Griff zu haben: 59 Prozent ziehen die Bilanz, dass sie die Krankheit und ihre Auswirkungen gut, teilweise sogar sehr gut kontrollieren können. 28 Prozent haben jedoch angegeben, Probleme zu haben. 12 Prozent berichten, dass die Kontrolle ihrer Krankheit starken Schwankungen unterliegt. In welchem Ausmaß chronisch Kranke das Gefühl haben, ihre Beschwerden und die damit verbundenen Auswirkungen auf ihren Alltag beherrschen zu können, hängt von dem Ausmaß der Einschränkungen ab, die mit der Erkrankung einhergehen. So sagen 55 Prozent der Befragten ohne Einschränkungen, dass sie mit ihrer Krankheit gut umgehen können, Gleiches gilt aber nur für 27 Prozent der Menschen mit erheblichen Einschränkungen.

Gefühl der Machtlosigkeit

In Bezug auf den weiteren Verlauf der Erkrankung sind nur 17 Prozent der Studienteilnehmenden überzeugt, dass sie selbst erheblichen Einfluss nehmen können. Jeder Zweite geht davon aus, dass das eigene Verhalten zumindest begrenzte Auswirkungen hat. 29 Prozent der befragten chronisch Kranken sehen für sich selbst keinerlei Einflussmöglichkeiten auf den Verlauf der Erkrankung. Zu diesen Menschen zählen überdurchschnittlich Frauen, chronisch Kranken mit erheblichen Einschränkungen und chronisch Kranke, die von mehreren Krankheiten betroffen sind.

Besonders das Ausmaß der Einschränkungen im Alltag und das Empfinden, die Krankheit nur schlecht kontrollieren zu können, führen zu der Annahme, auch den künftigen Verlauf „so gut wie gar nicht“ beeinflussen zu können. Davon sind 52 Prozent der befragten chronisch Kranken mit erheblichen Einschränkungen im Alltag überzeugt, 24 Prozent der Befragten ohne Einschränkungen.

Schlussfolgerung der Stiftung Gesundheitswissen

„Mit seinem Verhalten positiven Einfluss auf die eigene Gesundheit nehmen zu können, kann die eigene Lebensqualität erheblich steigern. Wie können wir es schaffen, dass die Menschen dieses Potential für sich erkennen und nutzen? Wie müssten Gesundheitsinformationen dahingehend konzipiert sein?“, fragt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen. „Über den Zusammenhang zwischen Information und dem Zutrauen in die eigenen Einflussmöglichkeiten ist wenig bekannt. Das wurde bisher kaum erforscht. Daher haben wir in Zusammenarbeit mit der BAG Selbsthilfe mit einer Befragung zum Zusammenhang von Selbstwirksamkeit und Gesundheitskompetenz begonnen. Mit den Ergebnissen aus der Umfrage erhoffen wir uns wichtige Erkenntnisse, um die Gesundheitskompetenz der Menschen nicht nur zu erweitern, sondern sie auch darin zu bestärken, ihr Wissen im Alltag anzuwenden.“

Menschen mit chronischen Erkrankungen

In Deutschland leben etwa 40 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen. Sie leiden am häufigsten an Bluthochdruck, Arthrose oder Rückenschmerzen. Fast jeder Dritte Deutsche hat Hypertonie. Es gibt in Deutschland etwa 8 Millionen Diabetiker. Etwa 15,5 Prozent der Deutschen haben chronische Rückenschmerzen. Im Durchschnitt liegen die Anfänge der Erkrankung 15 Jahre zurück.