15. November 2022

Diabetes mellitus: Positionspapier zu patientengerechter Sprache veröffentlicht

Foto: Dragonimages/Adobe Stock

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Behandelnde und Menschen mit Diabetes haben gemeinsam das erste Positionspapier zu patientengerechter Sprache in der Medizin für Menschen mit Diabetes mellitus aus Deutschland verfasst. Es wurde anlässlich des Weltdiabetestages veröffentlicht, der am 14. November stattfand.

Der Sprachgebrauch hat tiefgreifenden Einfluss darauf, wie Menschen mit Erkrankungen wie Diabetes mellitus in der Gesellschaft gesehen, diskutiert und behandelt werden. Ausgehend von englischsprachigen Ländern hat sich „Language Matters Diabetes“ zu einer globalen Bewegung entwickelt, die nun auch in Deutschland angekommen ist. Mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und der Diabetes Online Community #dedoc° haben sich Behandelnde und mit Diabetes lebende Menschen zusammengefunden, um gemeinsam ein Positionspapier zu sensibler Sprache zu entwickeln. 

Sprache kann stigmatisieren

„Ihr Stoffwechsel ist aber schlecht eingestellt!“, „Warum bewegen Sie sich so wenig?“, „Wenn Sie weiterhin nichts für sich tun, drohen Ihnen Herzinfarkt, Schlaganfall, Blindheit oder eine Amputation!“ Wie Angehörige von Gesundheitsberufen Sprache gebrauchen, kann die Selbstwahrnehmung von Menschen mit Diabetes stark beeinflussen. Ein integrativer und werteorientierter Sprachgebrauch kann Ängste abbauen, Vertrauen schaffen, aufklären und die Selbstfürsorge fördern. Umgekehrt kann Sprache auch stigmatisieren, verletzen, die Selbstwirksamkeit schwächen und sich somit nachteilig auf das Diabetesmanagement auswirken. „Mit unserem Positionspapier möchten wir auch für den deutschsprachigen Raum ein erhöhtes Bewusstsein für die Sprache im Zusammenhang mit Diabetes schaffen und für einen diskriminierungs- und stigmatisierungsfreien Sprachgebrauch plädieren“, erklärt Dr. med. Katarina Braune, Co-Autorin des „Language matters“-Positionspapiers und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Diabetologin DDG an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Partizipative Entscheidungsfindung

Es wurde von Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes in Zusammenarbeit mit Experten aus Fachgesellschaften erstellt und wendet sich gleichermaßen an Menschen mit Diabetes und deren Angehörige, Fachpersonal der verschiedenen Gesundheitsberufe, Medienschaffende, Lehrkräfte, Juristen sowie allgemein an alle Personen in der Öffentlichkeit. „Das Thema ‚sensible Sprache‘ ist auch in der partizipativen Entscheidungsfindung prioritär: Menschen mit Diabetes treffen jeden Tag im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung selbstständige und -verantwortliche Entscheidungen, die von den Ärzten akzeptiert werden müssen. Die Sprache sollte dabei unterstützen, um eine gute Übereinstimmung zwischen den Anforderungen der Diabeteserkrankung und den Wünschen und Zielen einer Person zu erreichen“, unterstreicht Dr. med. Jens Kröger, Vorstandvorsitzender von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und niedergelassener Diabetologe.

Genauso wichtig ist die Sprache aber auch in der fachlichen Kommunikation zwischen ärztlichem Personal und Berufsgruppen im Gesundheitswesen – sie beeinflusst die Güte der Diabetes-Therapie. Professor Dr. med. Andreas Fritsche, Vizepräsident der DDG, betont: „In der Art, wie auch die Berufsgruppen im Gesundheitswesen über Menschen mit Diabetes sprechen, offenbart sich die Einstellung gegenüber dieser Erkrankung“. Er appelliert daher auch beim ärztlichen Personal an eine höhere Sensibilität und hin zu einem gelegentlichen Reflektieren über manchen Sprachgebrauch im Hinblick auf Diabetes.

Kommunikation auf Augenhöhe

„Ein sensibler Sprachgebrauch drückt eine Haltung gegenüber Menschen mit Diabetes aus“, bekräftigt auch Professor Dr. Dipl.-Psych. Bernd Kulzer, Sprecher und 1. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG. Daher sollte die Kommunikation von Behandelnden gegenüber Menschen mit Diabetes respektvoll sein und anerkennen, dass die wesentlichen Therapieentscheidungen tagtäglich von ihnen eigenständig getroffen werden. „Das kann nicht belehrend von oben herab, sondern nur auf Augenhöhe gelingen!“

Das Positionspapier finden Sie hier (PDF)