26. Februar 2021
Foto: AdobeStock/longquattro

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CHRISTINA BAUMGARTNER
 
Anne Streicher gestaltete eine Stiefelette in maritimem Design. Der Fokus liegt auf der aufwändigen Ledersohle mit punzierter Windrose, das stimmige Gesamtbild wird abgerundet durch ein kleines Detail, einen silbernen Anker in der Schnürung. Mit ihrem Prüfungsschuh gewann die 25-Jährige den Wettbewerb „Die gute Form im Handwerk“ und wurde dritte Bundessiegerin im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks (PLW).  Eines war Anne Streicher schon früh klar: Ihr Gesellenstück sollte etwas ganz Besonderes werden. Dementsprechend nahm sich die 25-Jährige viel Zeit für ihre Überlegungen, fertigte erste Zeichnungen an und ließ sich dabei auch von anderen Arbeiten inspirieren. Als Leitthema ihres Prüfungsschuhs wählte sie ein maritimes Design, anhand dessen suchte sie die gestalterischen Elemente, Farben sowie den Schnitt des Schaftes und der Sohle aus. „Da ich schlichte Schönheit zu schätzen weiß, wollte ich einen eleganten Schuh entwerfen, der nicht mit Farben oder Mustern überladen ist“, sagt Anne Streicher, die ihre Ausbildung im Betrieb Gans Gesunde Schuhe in Hofgeismar machte. Als „Eyecatcher“ entwarf sie eine aufwändig gestaltete Ledersohle, auf der eine Windrose zu erkennen ist. 
 
„Das Gesamtbild mag ich sehr. Die punzierte Ledersohle gibt dem Schuh eine besondere Optik und die Gestaltung hat mir viel Spaß gemacht“, sagt Anne Streicher über ihr Gesellenstück, mit dem sie den Gestaltungswettbewerb „Die gute Form im Handwerk“ gewann und dritte Bundessiegerin im PLW wurde. Fotos: Anne Streicher
 
Schnürsenkel, die optisch an Seile erinnern
Inspiration für den Schnitt des Schaftes fand sie in einem Konfektionsschuh der Marke „Think!“. Besonders die außergewöhnliche Schnürung und der moderne Schnitt des Schuhs gefielen der jungen Orthopädieschuhmacherin. „Mich erinnert die Art der Schnürung am Rückfuß an Seile auf einem Segelschiff, die quer darüber gespannt sind“, meint Anne Streicher. Passend dazu wählte sie weiße Schnürsenkel, die optisch an Seile erinnern sollen. Als kleines zusätzliches Detail wurde in die Schnürung ein Knopf in Form eines silbernen Ankers integriert. Um den Schuh nicht eintönig wirken zu lassen, entschied sie sich für tiefblaues Nubuk als Oberleder und ergänzend ein Glattleder in derselben Farbe. 
 
Punzierte Windrose schmückt die Ledersohle
Das Hauptaugenmerk aber sollte auf der Ledersohle liegen. Auch hier griff sie abermals das maritime Leitthema auf. „Eine Windrose schien als Sinnbild und auch optisch sehr passend zu sein“, sagt Anne Streicher.  Der handwerklichen Umsetzung ging dann aber noch ein längerer Entscheidungsprozess voraus. „Glücklicherweise hatte ich kreative Menschen um mich, die mich bei der Ideenfindung unterstützten“. Nach mehreren Versuchen entschied sie sich letztendlich für eine Punzierung des Leders. „Punzieren ist eine sehr schöne Möglichkeit, Motive und Muster auf verschiedene Materialien zu bringen. Durch das Hineinschlagen der Punziereisen in das angefeuchtete Leder entsteht ein toller 3D-Effekt“, findet Anne Streicher. Die Verwendung von Farbe oder Ähnlichem sei dabei prinzipiell nicht nötig. Auch hier bevorzugte sie ein schlichtes, naturbelassenes Design. Um die silberne Farbe des Knopfes am Schaft aufzugreifen, verwendete sie zusätzlich als Verzierung an den Spitzen der Windrose jeweils einen Ziernagel. Der Absatz besteht ebenfalls zu einem Teil aus Leder, die äußere Absatzfront aufgrund der typischen Abnutzungserscheinungen aus Gummi. „Bevor ich angefangen habe, mich auf die Prüfung vorzubereiten, hatte ich zuvor noch nie mit Ledersohlen gearbeitet“, erzählt Anne Streicher. Die Materialien, die heute überwiegend verwendet werden – Gummi- bzw. EVA-Materialien – seien deutlich einfacher zu bearbeiten. „In der Prüfung hatte ich zum Beispiel Schwierigkeiten bei der Verklebung der Ledersohle, weil sie sich der Form des Schuhes nicht so gut angepasst hat“, erinnert sich die 25-Jährige, die inzwischen als Gesellin in ihrem Ausbildungsbetrieb tätig ist.  
 
Besonderes Augenmerk legte die Orthopädieschuhmacherin auf die Sohle. Mit der Windrose, deren Spitzen Ziernägel schmücken, griff sie auch hier das maritime Leitthema auf. Fotos: Anne Streicher
 
Orthopädieschuhmacher? Noch nie gehört
Nach einem abgebrochenen Studium suchte Anne Streicher 2016 nach einer neuen beruflichen Perspektive im Handwerk. Durch Zufall entdeckte sie die Stellenanzeige zu ihrem Ausbildungsplatz und informierte sich über den Beruf des Orthopädieschuhmachers, von dem sie zuvor noch nie gehört hatte. „Die Mischung aus gestalterischen, handwerklichen und auch medizinischen Aspekten fand ich sehr spannend“, erinnert sich Anne Streicher. „Super ist auch, dass man direktes Feedback vom Kunden bekommt und der Beruf eine gute Zukunftsperspektive bietet“. Für ihre eigene berufliche Zukunft plant sie, zunächst noch etwas Berufserfahrung zu sammeln und dann bald den Meister zu machen.
 
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