09. April 2021
Aufgrund der Spastik wünschte sich der Patient Klettverschlüsse, die weite Öffnung sorgt für einen möglichst komfortablen Einstieg. Die orthopädischen Maßschuhe wurden mit gepolsterten Knöchelstützen ausgestattet, um das Wegknicken nach innen zu verhindern. Foto: C. Maurer Fachmedien

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CHRISTINA BAUMGARTNER
 
Charlotte Beckert fertigte auf Wunsch einen schlichten, alltagstauglichen Schuh mit vielen Funktionen für einen Patienten mit spastischer Diparese an. Die 22-Jährige gewann damit den dritten Platz im Wettbewerb „Die gute Form im Handwerk – Handwerker gestalten“.  Charlotte Beckerts‘ Aufgabe in der Gesellenprüfung lautete, Schuhe für einen Patienten mit spastischer Diparese, einem Knick-Senk-Spreizfuß rechts und einer Spitzfußstellung links anzufertigen. „Und dieser hatte bereits gewisse Vorstellungen, wie die Schuhe aussehen sollten – nämlich möglichst unauffällig und schlicht“, erzählt sie. „Das Ziel war somit, einen relativ einfach gehaltenen Schuh zu bauen, der das Gangbild verbessert“. Die junge Orthopädieschuhmacherin, die inzwischen als Gesellin im elterlichen Betrieb Fußorthopädie Beckert in Plauen arbeitet und dort auch ihre Ausbildung machte, versorgte ihn mit einem Paar knöchelübergreifender orthopädischer Maßschuhe mit eingewalkten Knöchelstützen innen. 
 
Charlotte Beckert mit ihrem Vater, Orthopädieschuhmachermeister Frank ­Beckert. Die 22-Jährige machte ihre Ausbildung im Familienbetrieb in Plauen. Seit Januar 2020 arbeitet sie dort als Gesellin. Foto: Fußorthopädie BeckertKnöchelstütze verhindert das Wegknicken des Fußes nach innen
„Aufgrund der Spitzfußstellung war es wichtig, den übermäßigen Druck auf dem Vorfuß zu verteilen und somit einer Schwielen-Bildung entgegenzuwirken“, meint Charlotte Beckert. Ein weiteres Ziel war es, die Beinlängendifferenz auszugleichen. Der Ausgleich wurde vollständig unter der Ferse gebaut und damit die Standsicherheit erhöht. Eine angeformte gepolsterte Knöchelstütze soll das Wegnicken des Fußes beim Stehen und Laufen nach innen verhindern und damit der X-Beinfehlstellung entgegenwirken. Um keinen zusätzlichen Druck auszuüben, befinden sich die Polster im Bereich der inneren Knöchel. Für den Boden fertigte sie einen Keil an, der innen und außen verbreitert wurde – einerseits medial, um der X-Beinfehlstellung entgegen zu wirken, andererseits lateral aus kosmetischen Gründen. „Der Patient bekommt dadurch eine größere Auflagefläche und Standsicherheit im gesamten Gangzyklus“, erklärt Charlotte Beckert. Um die Stolpergefahr zu minimieren und die erste Phase der Schrittabwicklung und des Abrollvorganges zu erleichtern, brachte sie zudem eine Ballenrolle und eine Absatzrolle an. 
 
Klettverschlüsse auf Wunsch
Ein Derbyschnitt mit vorgezogenen Derbyriegeln und weiter Öffnung sorgt für einen möglichst komfortablen Einstieg. Aufgrund der Spastik bestand der Patient darauf, Klettverschlüsse statt einer Schnürung am Schuh zu haben. Charlotte Beckert brachte zudem Umlenkrollen an, die zugleich einen bandagierenden Effekt haben. Besonders wichtig war ihr, die Wünsche des Patienten umzusetzen und einen Schuh nach dessen Vorstellungen zu bauen. Außergewöhnliche Herausforderungen habe es dabei nicht gegeben. „Mit dem Patienten konnte man gut arbeiten, er hat viel von seiner Krankengeschichte erzählt“, erinnert sich Charlotte Beckert und meint: „Das Schwierigste an der gesamten Prüfung war wahrscheinlich die Aufregung“. Nach ihrer Gesellenprüfung sei sie von ihrer Berufsschullehrerin aufgrund ihrer guten Note darauf angesprochen worden, ob sie nicht am Wettbewerb „Die gute Form im Handwerk“ mitmachen möchte. „Dabei kannte ich den Wettbewerb vorher gar nicht“, erzählt Charlotte Beckert. Sie entschied sich für die Teilnahme, allerdings zunächst ohne große Erwartungen. Umso mehr habe sie sich dann über den dritten Platz gefreut – für sie der schönste Moment des ganzen Wettbewerbs. „Die gesamte Familie hat sich mitgefreut und es gab zahlreiche Glückwünsche von Freunden, Kunden und Kollegen“, erzählt die Gesellin, die nur eines bedauert: „Leider sind coronabedingt die Siegerehrungen und Veranstaltungen ausgefallen, dadurch fühlt sich alles gar nicht so echt an“.
 
„Nicht für den Schreibtisch gemacht“
Nach ihrem Abitur 2016 machte sie zunächst mehrere Praktika und lernte auf diese Weise verschiedene Berufe kennen. „Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass ich nicht für den Schreibtisch gemacht bin“, erzählt Charlotte Beckert, die ihre handwerkliche Begabung auch in ihren Beruf einbringen wollte. Am Ende fiel die Entscheidung dann für die Orthopädieschuhtechnik: Im September 2016 startete sie ihre Ausbildung im Familienbetrieb in Plauen, wo sie inzwischen als Gesellin arbeitet. Für die Zukunft hat die 22-Jährige einiges vor: „Ich möchte mich auf jeden Fall immer weiterentwickeln, neue Materialien und Techniken ausprobieren“. Den Familienbetrieb möchte sie weiterführen, zuvor noch mehr Berufserfahrung sammeln – eventuell auch in anderen Betrieben. Auch eine Spezialisierung in Richtung Sport- und Bequemschuhe kann sich Charlotte Beckert gut vorstellen. Einen genauen Plan hat sie bereits für den Start ihrer Meisterausbildung, die soll nämlich 2023 beginnen.
 
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